Wie ich meine Angst zu lieben gelernt habe

18. Mai 2015

Warum hat mich die Natur mit Gefühlen wie Angst, Scham und Trauer ausgestattet? Wäre das Leben nicht viel lebenswerter, wenn es nur Liebe, Freude und Glück geben würde? Nein, wäre es nicht!

Über Gefühle habe ich mir früher nie viel Gedanken gemacht – geschweige denn, mich mit ihnen auseinandergesetzt. Ich wusste nur, von den „guten“ Gefühlen wollte ich mehr. Die anderen dagegen am liebsten gar nicht haben. Da das nicht geht, habe ich auf eine beliebte Taktik zurückgegriffen: Ich drückte „schlechte“ Gefühle einfach weg. Ich wollte mir nicht eingestehen oder gar zeigen, dass ich Angst habe oder traurig bin. Auch für Wut gab es wenig Raum.

Doch diese Taktik funktionierte nur kurzfristig. Die weggedrückten und angestauten Gefühle kamen immer wieder zurück; häufig in Situationen, wo ich nicht damit rechnete. So spürte ich etwa mitten im Büro plötzlich eine unbestimmte Angst. Ein anderes Mal sagte mein Gegenüber im Gespräch etwas, was ebenfalls einen Angstschub auslöste. Ich war verzweifelt – es ergab keinen Sinn! Da sich die Situation nicht von alleine besserte, fing ich an, mich mit meinen Gefühlen zu beschäftigen. Ich machte eine Therapie und setzte mich mit meinen Gefühlen und Emotionen auseinander, las Fachbücher und besuchte Seminare.

In einem der Seminare hatte ich dann mein erstes Aha-Erlebnis. Ich durfte erkennen, wie ich besser mit meinen Gefühlen umgehen kann. Drei Sätze fassen es für mich zusammen: Gefühle nicht nach „gut“ und „schlecht“ bewerten. Jedem Gefühl die gleiche Aufmerksamkeit schenken. Und: Das Leben besteht aus Gegensätzen.

Nordpol – Südpol
Himmel – Erde
Krieg – Frieden
Liebe – Hass
Freude – Trauer

Das Eine kann nicht ohne das Andere existieren. Gäbe es keine Angst oder Trauer, wüsste ich nicht, wie Liebe und Freude sich anfühlen. Es wäre der Dauerzustand, und ich hätte keinen Vergleich. Dazu kommt, dass sich unser aller Leben in einem stetigen Auf und Ab befindet. Niemals hat einer nur Pech oder fühlt nur Freude. Es geht immer wieder bergauf bzw. bergab. So ist das Leben!

Seit ich das verstanden habe, hat sich mein Denken und Handeln vollkommen geändert. Spüre ich heute Angst, nehme ich sie wahr und gebe ihr Raum. Passt es in einer Situation nicht, hole ich das nach. Es ist in Ordnung, Angst, Scham, Trauer und Wut zu fühlen. Sie sind ein Teil von mir. Und ich weiß, danach kommt wieder Freude und Liebe. Das bedeutet: Selbst wenn ich Angst fühle, habe ich „Vorfreude“.

Diese Vorfreude übrigens verdanke ich meinem zweiten Durchbruch, in einem Seminar, wo ich Angst vor dem Unbekannten spürte. „Was erwartet mich? Bin ich dem gewachsen? Blamiere ich mich vielleicht?“ Ich spürte die Angst, gab ihr Raum und nahm sie an. Da entdeckte ich hinter diesem „schlechten“ Gefühl der Angst eine Neugierde – auf das, was hinter dem Unbekannten ist. Die Angst transformierte sich in Vorfreude.

Ich bin froh, dass ich das gelernt habe. Mir hilft es heute, alle Gefühle wahrzunehmen und keine Bewertung vorzunehmen. Außerdem mache ich mir immer wieder bewusst, dass Gefühle kommen und gehen. Dadurch setze ich mich mit ihnen allen auseinander, ohne eines zu unterdrücken. Meine alte Taktik hingegen hat mir oft genug vorgeführt: Mit Gefühlen ist es wie mit Kindern. Ignoriere ich eins, sorgt es auf andere Weise für meine Aufmerksamkeit, die mir häufig nicht gefällt.

Michael Jahn
michael.jahn2@freenet.de

Bei Selbstliebe habe ich früher immer an Arroganz und Egoismus gedacht. Mittlerweile habe ich aber gelernt, dass Selbstliebe der Schlüssel für Gelassenheit und inneren Frieden ist.

1 Kommentar
  • Helena
    Veröffentlicht am 14:33h, 23 Mai Antworten

    Danke, dass du deine Erfahrungen zu diesem Thema geteilt hast. Ich fühle auch, dass Annahme der schlechten Gefühle der Schlüssel zu mir selbst und zur Selbstannahme ist. Was letztendlich auch bedeutet, dass ich andere Menschen annehmen kann, so wütend und traurig sie mich machen, ohne, dass ich unbedingt Verehrung für sie empfinde, viel mehr jedoch Frieden mit ihnen schließen kann. Was mir auch wiederum zu Stabilität und ganzheitlicher Gesundheit verhilft. Ich bin dadurch frei von inneren Blockaden und kann aus einer inneren Ruhe heraus im Leben das tun, was mir Freude bereitet: „Schenken“! Mir selbst etwas „schenken“, und weil das alleine langweilig ist, dann auch anderen etwas von mir „schenken“. Das was ich zu verschenken habe. Das was jeder am besten verschenken kann.

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