Wie ich lerne zu vertrauen

Mann springt in kaltes Wasser

30. Oktober 2017

Image: „Jump!“ by Tommasi Fornoni on Unsplash.

Jahrelang hatte ich mich gegen das Spiegeln in meiner Gruppe gewehrt. Ich konnte den anderen doch nicht einfach sagen, was ich an ihnen wahrnahm. Ich hatte Angst davor, alte Traumata aufzuschrecken, Psychosen loszutreten und Menschen in den Abgrund zu stürzen. Vor allem aber fürchtete ich, selbst gespiegelt zu werden – und Dinge an mir zu entdecken, die ich nicht kontrollieren konnte.

Spiegeln als Türöffner

Als ich das Spiegeln in meine Gruppe einbrachte, äußerten auch andere ihre Ängste dazu. Aber wir waren uns einig: Wir wollten uns darauf einlassen. Ganz liebevoll und achtsam miteinander. Es wurde ein sehr intensiver Deep Talk. Ich fühlte mich richtig verbunden mit meinen Teilnehmer*innen und diese Atmosphäre brachte mich dazu, meine Kontrolle aufzubrechen. Ich traute mich, die anderen zu spiegeln. Zu meinem Erstaunen gab es keine Ausraster, sondern Zustimmung.

Schließlich kam ich selbst dazu, eine Geschichte von mir zu teilen. Es war die Geschichte meiner früheren besten Freundin Helena, die vor einigen Jahren den Kontakt zu mir abgebrochen hatte. Ich hatte damit nicht gerechnet und fühlte mich in ein tiefes Loch gestoßen. Diese Geschichte hatte ich schon unzählige Male erzählt, mittlerweile ziemlich emotionslos, sodass ich dachte, ich wäre darüber längst hinweg. Pustekuchen.

Als die Teilnehmer mir meine Gefühle zu dieser Geschichte gespiegelt haben, brach alles wieder hervor. Ein Teil von mir kontrollierte noch, dass ich nicht sofort losheulte. Aber in mir brodelte es. Da waren sie wieder, die alten Gefühle: Wut, Schmerz, Trauer. Und dahinter – das erkannte ich durchs Spiegeln – lag ein tiefer Vertrauensverlust. Noch tiefer als die Wunde, die Helena gerissen hatte.

Den Schmerz aushalten

In der Vergangenheit habe ich meine Gefühle schnell überdeckt. Mein Verstand war schnell dabei, sich eine Geschichte auszudenken, warum alles nicht so schlimm sei. Ich habe mich lange Zeit einen Optimisten genannt und nicht bemerkt, dass mein Optimismus nur eine Seite von mir zuließ, nämlich die Lichtseite. Viele Menschen schätzten mich als fröhlich und locker ein, weil ich so viel gelacht habe. Aus jeder Situation konnte ich einen Witz machen, um die Probleme nicht zu sehen. Dabei habe völlig ignoriert, dass ich auch Schatten habe, die mich beeinflussen. Wie stark, das sollte ich erst noch herausfinden.

In den Wochen nach dem Deep Talk erlebte ich ein Gefühlschaos. Diesmal schob ich es nicht mit einem Lächeln weg, sondern fühlte hinein. Ich spürte, dass darin etwas Wertvolles verborgen lag, etwas, das mich mein ganzes Leben lang blockiert hatte. Auf der Arbeit musste ich mir mehrfach Auszeiten nehmen, indem ich mich ein paar Minuten auf die Toilette verzog. Der Schmerz war allgegenwärtig. Und ich hielt ihn aus, umarmte ihn wie ein verlorenes Stofftier, das lange Zeit in einem staubigen Kellerraum gelegen hatte.

Ein Traum in dieser Zeit hat mich sehr bewegt. Ich wohnte als einziger Mensch in einer Burg. Draußen hörte ich eine Mutter mit ihrem Sohn, die sich die Burg gerne angesehen hätten, aber da ich das Tor versperrt hatte, kamen sie nicht hinein. Ich dachte mir, dass der Junge sich bestimmt freuen würde, die Burg zu betreten. Gleichzeitig ergriff mich Panik, wenn ich daran dachte, das Tor zu öffnen. Später war ich auf einem Weg, der zur Burg hochführte. Ich beeilte mich, denn hinter mir hörte ich wieder die Mutter mit ihrem Jungen, die nun noch energischer wurden, da sie mich sahen. Ich schaffte es gerade noch, die Tür hinter mir zuzuknallen und den Schlüssel herumzudrehen. Einen Moment glaubte ich mich sicher, doch zu meinem Entsetzen war die Tür nicht versperrt, sondern stand einen Spalt offen und öffnete sich sogar langsam weiter, ohne dass ich etwas tun konnte. Ich sah nur Licht und wusste, dass ich gleich der Mutter und dem Jungen gegenüber Rechenschaft ablegen musste. Es war mir unendlich peinlich und ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.

Als ich daraufhin wach wurde, hielt ich das Gefühl fest. Ich wusste, dass ich in meine Angst hineinfühlen musste, wenn ich dahinter blicken wollte. Ziemlich schnell wurde mein Gefühl wieder vom Verstand überdeckt, der mit meinem Erwachen wieder die Kontrolle übernahm. Dennoch war ich mir sicher, dass ich den Kern gefunden hatte: Mir fehlte das Vertrauen zu anderen Menschen. Und das auf so vielen Ebenen, dass ich jeden Tag etwas Neues entdeckte.

Kontrolle abgeben

Die Erlebnisse meiner Vergangenheit (und das seit frühester Kindheit) haben mir beigebracht, dass ich niemandem vertrauen könnte, mir selbst vielleicht noch am meisten. Folglich konnte ich nicht darauf vertrauen, dass mir jemand anders etwas Gutes tat. Nicht unbedingt aus Bosheit heraus, sondern oft aus Unwissenheit. So stellte ich Autoritäten in Frage, kapselte mich lange Zeit von der Gesellschaft ab und konnte mich in meinen Beziehungen nicht richtig fallen lassen. Ich entwickelte einen Zwang, alles zu kontrollieren. Bevor ich eine Neuerung annehmen konnte, musste ich über alle Details Bescheid wissen. Und am besten machte ich es selbst, nur um sicher zu gehen.

Bei Move Meta liebt dich, unserem ersten großen Event im letzten Jahr, lernte ich zum ersten Mal, diese Kontrolle abzugeben. Ich hatte drei Tage mit Workshops und Begegnungen geplant und dazu Leute eingeladen, die ich nicht kannte. Auch auf dem Event selbst konnte ich nicht kontrollieren, was bei den einzelnen Workshops passierte, denn dazu hätte ich mich teilen müssen. Am Anfang rebellierte mein ganzer Körper gegen diesen Kontrollverlust. Angetrieben von dem Gedanken, dass alles in die Hose gehen würde, spannten sich alle meine Muskeln an. Ich war unruhig und den Tränen nahe. Spätestens zum Abschluss des Wochenendes war diese Anspannung komplett weggefegt. Ich war noch nicht komplett im Vertrauen, aber ich spürte, wie gut es tat, die Kontrolle abzugeben.

Hinter dem Schmerz

Nachdem ich mich ein paar Wochen dem Schmerz gewidmet habe, zog er sich fast von selbst wieder zurück. So als ob er sagen wollte: „Danke, ich habe nur diese Umarmung gebraucht“. Ich habe sozusagen den kleinen Jungen in die Burg gelassen und gemerkt, dass nichts Schlimmes passiert. Im Gegenteil. Dadurch gings erst richtig los.

Ich hatte nun reingefühlt, was es hieß, nicht zu vertrauen. Dieses Gefühl habe ich jahrelang in mir begraben, aber es schwang überall mit. Dann wurde ich neugierig. Was war, wenn ich den Spieß mal umdrehte und Leuten einen Vertrauensvorschuss gab? Was konnte schon passieren? Mit Enttäuschungen kannte ich mich ja bestens aus.

Also begab ich mich in das Gefühl von SelbstLiebe, das ich in seltenen Momenten bereits erlebt hatte (z.B. mit Irene in Hof). Ich ließ die Kontrolle los und wurde gleich wieder mit Unsicherheiten konfrontiert. Ich begab mich bewusst hinein und hielt die Gefühle aus. Meine innere Stimme wollte mich wieder zur Kontrolle zwingen, meine Gefühle beiseite schieben. Ich trat ihr selbstbewusst entgegen, statt mich ihr wie früher einfach zu fügen. Es ergab sich eine Art innerer Dialog:

„Pass auf, die wollen dich übers Ohr hauen“
„Vielleicht sind sie auch nett“
„Vielleicht. Das weißt du aber nicht“
„Stimmt. Aber ich kann es herausfinden“

Ein Leben in Annahme

Ich begab mich auf Konfrontationskurs und entdeckte jeden Tag neue Situationen, die meine Vertrauensangst ansprachen. Als meine Chefin  meinte „Florian, du wirst hundert Jahre alt“, fühlte ich mich zuerst schlecht. Ich dachte, sie wolle mir einen Tritt in den Hintern verpassen, weil ich so langsam war. Später wiederholte sie ihren Spruch und ich ergriff die Gelegenheit, sie zu fragen, was sie damit meinte. Sie antwortete voller Ernst: „Du machst das genau richtig, dass du dich nicht stressen lässt. So wie du wäre ich auch gerne.“ Selbst jetzt, wo ich das aufschreibe, schießen mir Tränen in die Augen. Sie meinte genau das Gegenteil von dem, was ich anfangs angenommen hatte.

Eine andere Situation hat mich ebenfalls herausgefordert. Früher habe ich in Freizeitparks viel Zeit damit verbracht, auf Taschen aufzupassen, während andere sich auf Achterbahnen vergnügten. Als mich eine Freundin zuletzt in den nahegelegenen Movie Park einlud, erzählte ich ihr von meiner früheren Angst. Mittlerweile hatte ich mich schon stark in das Gefühl der Annahme begeben und sah jeder Herausforderung neugierig entgegen. Als es daran ging, ein hohes und zugleich schnelles Fahrgerät auszuprobieren, wallte in mir die alte Angst wieder hoch. Ich erlebte einen Kontrollverlust, noch bevor die Sache angefangen hatte.

Resigniert wandte ich mich ab und probierte es mit zwei harmlosen Attraktionen, die ich bereits kannte. Dort fühlte ich eine neue Freiheit, die ich früher nicht hatte. Ich war komplett im Moment, neugierig und offen für das, was gerade war. Mit dieser Freude im Herzen stelle ich mich in der Schlange zu dem Gerät an, das ich am Anfang gesehen hatte. Ich fühlte in das Gute, Neugierige hinein. Als das Gerät aufgrund eines Defektes gewartet werden musste, hielt ich meine Gedanken im Zaum. Ich hätte darüber nachdenken können, dass es unsicher wäre, sich gleich da hinzulegen und hoch über dem Boden zu fliegen. Aber ich konzentrierte mich auf das, was ich sah: Eine Maschine, TÜV-geprüft und vermutlich mehrfach gegen Unfälle abgesichert. Den Techniker, der mir einem strahlenden Lächeln in den Bauch des Gerätes kletterte und alles in Gang setzte. Die Menschen, die in der Schlange stehen blieben und ebenfalls darauf vertrauten, dass gleich alles wieder laufen würde.

Irgendwann waren wir dann an der Reihe. Ich war bereits in einer Art Meditation versunken, bemerkte meine rebellierenden Gedanken, verfolgte sie aber nicht weiter. Mein Körper handelte nur noch. Ich legte mich in eine Kabine, nahm wahr, wie sich über mir ein Bügel schloss und wie wir in die Höhe gehoben wurden. Ich schraubte mich immer höher, drehte mich liegend im Kreis, den Kopf voran, immer rauf und runter. Ein bekanntes und dennoch ungewohntes Kribbeln breitete sich von meinem Bauch aus. Ich wusste, dass ich das als Panik interpretieren konnte oder als Freude. Ich fühlte einfach hinein, schloss am Anfang noch die Augen, um mich daran zu gewöhnen. Aber ich nahm alles an – und die alte Angst kam nicht zurück.

„Au ja“ statt „Lieber nicht“

Seit einigen Wochen habe ich das Gefühl, wie ein Surfer auf einer Welle zu reiten. Ich lasse fast alles zu, was das Leben mir schenkt. Wenn ich eine Ablehnung in mir spüre, horche ich neugierig nach, woher diese kommt. Ist es die Angst vor dem Kontrollverlust, schaue ich mir die Situation aus Perspektive des Vertrauens an. Wenn ich etwas ablehne, dann deswegen, weil mir z.B. gerade eine Auszeit wichtig ist.

Ich bin offener gegenüber anderen Menschen geworden. Das bedeutet an manchen Stellen auch, dass ich mich mehr mit meinem Schmerz auseinander setze. Ich habe gelernt, dass nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Begegnungen können weh tun und alte Wunden aufreißen. Aber jetzt begrüße ich den Schmerz, weil ich weiß, dass dahinter Heilung liegt. Und zum ersten Mal fühle ich mich wirklich vollständig, in Licht und Schatten.

Florian Eichhorn
florian@movemeta.org

Ich möchte das Leben lieben und andere damit anstecken. Als Gründer der Essener Gruppe erlebe ich immer wieder, wie wertvoll die Auseinandersetzung mit unserem Inneren ist und wie heilsam es sein kann, offen und ehrlich damit umzugehen.

8 Kommentare
  • Johannes
    Veröffentlicht am 08:01h, 02 November Antworten

    I Like it! Muss es mir aber noch in Ruhe durchlesen…

    LG

    • Florian Eichhorn
      Veröffentlicht am 16:30h, 02 November Antworten

      Für mich steckt auch eine Menge Entwicklung drin. Nimm dir ruhig die Zeit, wenn du magst, um alles zu erfassen.

      Alles Liebe
      Florian

  • Johannes
    Veröffentlicht am 18:24h, 10 November Antworten

    Lieber Florian.

    Ich habe alles durchgelesen. Ich war ja bei dem Treffen dabei und möchte Dir spiegeln/zurückmelden, dass ich es genau so empfinde wie beim Treffen, dass Du ehrlich und verletzlich bist (zurückhaltend), Deine Art ist sehr vorsichtig, ich höre Deinen Vertrauensverlust/Angst auch in Deiner Stimme. Ich mag Dich so wie Du bist! (Und mag es, wenn Du an Deinen Ängsten/Vertrauen arbeitest.)

    Lieben Gruß,
    Johannes

  • Stephan Pinkwart
    Veröffentlicht am 20:11h, 17 Dezember Antworten

    Hallo Florian, ein toller Bericht darüber, dir selber zu vertrauen und aufzuhorchen, ob das Kritik ist oder vielleicht ein Lob ;) Nicht jede Kritik muss man schlechtes sein (z.b.Chefin) Ich selber kann inzwischen vieles verstehen in meinem Leben oder auch sagen „Ja ich vergesse das oder ich halte den Schmerz aus, weil ich daraus eine Heilung mit der Vergangenheit bekomme“

    • Florian Eichhorn
      Veröffentlicht am 13:03h, 18 Dezember Antworten

      Lieber Stephan,

      wenn wir durch den Schmerz gehen, können wir viel über uns selbst lernen. Ich bin immer noch dabei, mich dafür zu öffnen und sehe gleichzeitig, wieviele Ängste dagegen stehen. Ich freue mich, dass auch andere Menschen diesen Weg gehen wollen :)

      Alles Liebe
      Florian

  • Andreas
    Veröffentlicht am 20:28h, 11 Januar Antworten

    Danke für Deinen Text. Da gibt es vieles was mir sehr bekannt vorkommt :-) Ich bin auch gerade dabei hinzuspüren und die Gefühle zuzulassen. Der Text ist für mich in der Hinsicht nochmal sehr inspirierend. Danke.

    Liebe Grüße
    Andreas

  • Mirû
    Veröffentlicht am 08:35h, 03 Dezember Antworten

    Das ist so was von ähnlich zu mir inkl. meiner Entwicklung – viel zu krass!
    Ich bin dahinter gekommen, dass es mit einem frühen Bindungstrauma (oder mehreren) zu tun hat und die mono-amore Beziehung (bei dir: Bestfreundschaft) und ihre Beendigung gewissermaßen die Beziehung zu meiner – übrigens ebenfalls bindungs- und daher anderweitig psychisch gestörten, missbrauchsstrukturierten – Mutter und die Bindungstraumatisierung(en) sowie psychischen Missbrauchsmuster reinszeniert hat.
    Unterschied: Zur endgültigen Heilung (so dass es nicht mehr schmerzt/ weiter antriggerbar ist) bedurfte ich der Hinwendung zu Jesus Christus.
    :-)

    • Florian Eichhorn
      Veröffentlicht am 22:58h, 09 Dezember Antworten

      Hallo Mirû,

      seit meinen ersten Erfahrungen mit Move Meta finde ich es immer wieder befreiend zu wissen, dass ich mit meinen Problemen nicht allein bin. Viele Menschen gehen denselben Weg oder haben ihn bereits hinter sich. Und die Unterschiede sind oft gar nicht so groß, wie wir manchmal glauben. Du hast dich Jesus Christus zugewendet. Ich nenne es das Leben oder die Liebe. Im Grunde meinen wir doch dasselbe, oder? Eine Kraft, der wir vertrauen können. Die uns so annimmt, wie wir sind. Die uns trägt und mit dem verbindet, was wirklich zählt.

      Alles Liebe
      Florian

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