Move Meta erfindet sich neu – unsere Transformationstage 2017

Unsere Moderatoren

10. Dezember 2017

„Was fällt diesem Typen eigentlich ein?“, dachte ich mir, als ich Manuels E-Mail gelesen hatte. Bisher war ich in Essen ziemlich gut zurecht gekommen, was Deep Talk anging. Ich hatte regelmäßig meine Treffen und oft waren auch neue Leute dabei. So viel konnte ich ja nicht falsch gemacht haben. Und schließlich war ich doch einer von den alten Hasen. Wie konnte Manuel mich da vor so ein Ultimatum stellen?

Wandel mit Ansage

Manuel hatte zuvor Go & Change besucht und lud uns Moderator*innen nun dazu ein, selbst hinzufahren. Naja, eigentlich war es keine Einladung. Manuel stellte fest, dass es ab 2018 keinen Moderator mehr geben würde, der nicht bei Go & Change gewesen ist. Na, dankeschön.

Dabei malte ich mir schon aus, wie es in der Gemeinschaft von Go & Change zugehen würde. Eine Zeit lang unter Menschen zu leben, die offen und bewusst miteinander umgingen – das wollte ich gern erleben. Allerdings wollte ich das selbst entscheiden. Woher wusste Manuel, dass Go & Change das Richtige für uns war, wenn er nicht mal richtig fühlen konnte?

Mein Widerstand begann zu bröckeln, als ich Manuel wiedersah. Bisher kannte ich ihn als analytisch und distanziert. Wenn jemand in Tränen ausbrach, konnte es sein, dass Manuel das nicht einmal mitbekam. Nun spürte ich, wie empfindsam er geworden war. Es war nicht mehr sein Ego, das den Ton angab. Manuel wollte sich wirklich verbinden. Und ich wollte das nun auch – stärker als je zuvor.

Ähnlich wie mir ging es auch den anderen Moderator*innen. Wir machten irgendwie unser Ding, redeten über Gefühle und halfen damit Menschen, bewusster zu leben. Aber es war eben nur irgendwie. Und Move Meta war nicht unser gemeinsames Ding. Das sollte sich mit Go & Change ändern.

Nachdem die ersten Widerstände beseitigt waren, einigten wir uns auf einen Termin im November. Eine ganze Woche wollten wir Moderator*innen bei Go & Change verbringen, um dort – von der Gemeinschaft unterstützt – zu einem Team zu werden. Die anfängliche Wut flaute ab. Dafür kam Neugier auf. Was würde uns bei Go & Change erwarten?

Wir wurden schnell in die Gemeinschaft aufgenommen. Schon am ersten Abend gab es Deep Talk. Aber nicht, weil es ein besonderes Event gewesen wäre. Bei Go & Change ging es fast rund um die Uhr darum, sein Inneres zu offenbaren. Es war Alltag. Wie würde das wohl sein, wenn wir alle so leben könnten? Wenn wir jeden Tag miteinander redeten, statt gegeneinander? Nicht nur innerhalb einer kleinen Gemeinschaft, sondern wirklich überall? Allmählich bekam ich eine Ahnung, wie wichtig unsere Arbeit bei Move Meta war. Aber noch stand uns etwas im Weg.

Eine Aussprache mit Folgen

Am zweiten Tag bei Go & Change gab es eine Aussprache. Wir Move Metas (wie wir genannt wurden) wollten wissen, wo wir nicht richtig zusammenarbeiteten, wo vielleicht versteckte Konflikte lägen. Ich dachte zunächst, das Thema würden wir schnell abarbeiten. Schließlich kannten wir uns ja schon lange. Und wir redeten doch über alles. Oder etwa nicht?

Die Sofas in der Bibliothek hatten wir zu einem Kreis zusammengeschoben. Eigentlich saßen wir ziemlich gemütlich da. Doch es fühlte sich nicht so an. Es gab so vieles, was nicht oder nur halb ausgesprochen war. Was, wenn wir uns voneinander entfernten, statt uns näher zu kommen? Wenn wir uns hier endgültig zerstritten? Wir hatten die Chance, Move Meta neu zu erfinden. Oder die Bewegung zu zerschlagen.

Nacheinander sprachen wir aus, was wir bisher runtergeschluckt hatten: Von wem wir uns nicht ernst genommen fühlten. Wer sich zu wenig engagierte. Zu wem wir uns eine tiefere Bindung wünschten. Es gab mehr Blockaden als gedacht. Besonders deutlich wurde, dass einige von uns Manuel nicht zutrauten, die Bewegung zu führen. Er sei zu wenig empathisch, seine Entscheidungen teilweise nicht nachvollziehbar und so bestimmend, dass wir um unsere Autonomie fürchteten.

Mir fiel es schwer, meine Zweifel auszusprechen. Am liebsten hätte ich irgendeinen Witz gemacht, um die Situation zu entspannen. Aber darum ging es nicht. Es war wichtig, dass wir uns die Konflikte ansahen und sie nicht ignorierten wie in der Vergangenheit. Nachdem wir uns alle ausgesprochen hatten, schwiegen wir eine Zeit lang. Die Themen lagen auf dem Tisch. Wir konnten nicht mehr zurück.

Befreiung

Nun fingen wir an, die Spannungen nacheinander anzugehen. Jede*r äußerte sich zu den Konflikten, die andere mit ihr oder ihm hatten. Dabei wurde klar: Auch Manuel zweifelte von Zeit zu Zeit. Er brauchte unser Vertrauen, um Move Meta weiter zusammenhalten zu können. Denn das hatte er die ganze Zeit über getan. Er hatte unsere Bewegung aufgebaut, hatte uns zusammengebracht und sich dabei selbst immer weiter entwickelt.

Da ich Move Meta von Anfang an begleitet hatte, kannte ich diese Entwicklung. Manuel hatte ursprünglich davon geträumt, mit mehr SelbstLiebe auch mehr Frauen kennenzulernen. Mittlerweile hatte sich Move Meta entwickelt. Früher dachten wir rein egoistisch: Was will ich tun, um mein Leben zu lieben? Was gefällt mir? Jetzt hatten wir eine höhere Perspektive. Es ging nicht mehr darum, unser eigenes Leben bequem zu gestalten. Es ging darum, möglichst vielen Menschen zu einem liebevollen Leben zu verhelfen. Liebe aus dem Wir zu begreifen, anstatt aus dem Ich.

Manuel war vielleicht nicht der Beste, wenn es darum ging, seine Gefühle zu spüren. Aber er hatte diese Entwicklung erkannt und voran getrieben. Er hat uns als Team zusammen gebracht. Er hatte uns zu Go & Change eingeladen, um die Wir-Perspektive hautnah zu erleben, um selbst zu einem Wir zu werden. Manuels E-Mails und Ansagen waren nicht immer empathisch, ja manchmal setzte er uns ganz schön unter Druck. Und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) war Move Meta zu einer wunderbaren Bewegung gewachsen.

Mir wurde auf einmal bewusst, warum ich innerlich gegen Manuel rebelliert hatte. Ich wollte mein eigenes Ding drehen. Ich wollte Deep Talks im Rahmen von Move Meta anbieten, mich aber nicht in diesen Rahmen pressen lassen. Ich wollte frei sein, auch frei von Verantwortung. Mit unserer neuen Kompetenzhierarchie kam jedoch die Pflicht, auch mal Dinge zu tun, auf die ich vielleicht keine Lust hatte. Ich hatte Angst vor dieser Verpflichtung. Ich hatte Angst, Verantwortung zu übernehmen und vielleicht einen Fehler zu machen, der das ganze Team gefährden konnte. Ich hatte Angst, mein Ego loszulassen.

Der befürchtete Streit blieb aus. Statt die Mauern weiter aufzubauen, rissen wir sie ein. Jetzt konnten wir auch klarer sehen, dass Manuel nicht das Problem war. Es war sinnvoll, dass er die Kompetenzhierarchie eingeführt hatte. Genau wie viele andere Entscheidungen in der Vergangenheit. Was uns fehlte, war nicht das Vertrauen in Manuel, sondern das Vertrauen in uns selbst. In eine funktionierende Gruppe mit einem gemeinsamen Weg. Einer gemeinsamen Vision.

Einer geht

Es tat gut, endlich mal Klartext geredet zu haben. Zwischen uns gab es eine neue Offenheit, die sich in den weiteren Gesprächen ausdrückte. Im Umfeld von Go & Change fiel es uns leicht, miteinander und mit den Menschen dort zu einer Gemeinschaft zusammenzuwachsen. Wir lernten, uns zu vertrauen. Und wir lernten, in die Mission zu vertrauen, die uns mit Go & Change verband: die Erschaffung einer liebevollen Welt. Eine Welt, in der wir miteinander leben, statt uns voneinander zu isolieren.

Nachdem wir unsere Konflikte offengelegt hatten, sprachen wir über diese Vision. Über das, was wir mit Move Meta erreichen wollten. Mehrere Stunden verstrichen, aber wir hatten uns noch immer auf nichts geeinigt. Jeder Punkt, den wir anführten, wurde mühsam diskutiert und durchgekaut. Dabei wussten wir doch eigentlich, worum es ging. Was war denn auf einmal los, dass wir nicht voran kamen?

Vor allem Holger, der vor kurzem die Gruppe in München übernommen hatte, äußerte immer wieder Bedenken. Darauf klar und konsequent angesprochen, zeigte sich schließlich: Er hatte noch starke Zweifel, die er bisher nicht ausgesprochen hatte. Wir baten ihn, nun darüber zu reden. Denn wir hatten eingesehen, dass wir eine Gemeinschaft werden mussten. Mehr noch: Wir wollten uns gegenseitig unterstützen, um unsere Vision zu verwirklichen.

Diese Vision lag nun endlich klar vor uns. Wo wir vorher noch lange überlegt hatten, fand jede*r gleich die richtigen Worte. Wir malten Holger in bunten Farben aus, wofür Move Meta stand und was wir gemeinsam bewegen würden.  Aber er konnte seine Bedenken nicht überwinden.

Schließlich verließ Holger die Runde. Bis zu dem Zeitpunkt hatten wir noch gedacht, dass er ja eigentlich ein Teil von uns bleiben wolle; dass wir ihn überzeugen könnten, mit an einer gemeinsamen Vision zu arbeiten. Aber er ging und blieb weg.

Es fühlte sich an, als wäre eine Freundschaft zerbrochen. Auf einmal trennte uns eine tiefe Kluft, wo wir doch gerade dabei waren, uns anzunähern. Zuerst waren wir schockiert. Dann spürten wir die Wut. Holgers Ego hatte die ganze Gruppe blockiert, zu einem Wir zusammen zu finden. Wir hätten uns stundenlange Diskussionen sparen können. Stattdessen waren wir immer wieder auf ihn eingegangen – ohne Erfolg.

Damit war Move Meta München vorerst auf Eis gelegt. Am nächsten Morgen verabschiedete sich Holger von uns. Die Trauer über den Verlust war noch groß – bei uns genauso wie bei ihm. Gleichzeitig kam aber auch Hoffnung auf, dass jeder nun seinen Weg gehen konnte, ohne den anderen zu blockieren.

Initiation: Unser gemeinsamer Weg

Wir setzten nochmal neu an, unsere Vision zu formulieren. Diesmal kamen die Worte sehr schnell. Wir fanden heraus, dass uns eine ganze Menge verband – ungeachtet der Widerstände, die uns immer wieder herausfordern würden.

Wir trafen uns wieder im Sofa-Kreis. In der Mitte stand ein Aufnahmegerät, das unsere Worte festhielt. Manuel begann, seine Sicht auf unsere Vision zu formulieren. Eine Vision, die nicht nur unsere Arbeit bei Move Meta umfasste. Denn es gibt viele Organisationen und Gemeinschaften, die ähnliche Ziele wie wir verfolgen (z.B. Go & Change). Gemeinsam würden wir uns dafür einsetzen, ein liebevolles Miteinander zu gestalten. Wir würden uns selbst und anderen dabei helfen, uns klar zu erkennen und das zu überwinden, was uns von unserem liebevollen Selbst trennt. Move Meta solle dazu einen Einstieg bieten, als Tor zu einer bewussten Entwicklung. Wir würden Menschen verbinden, mit sich selbst, ihren Gefühlen, aber vor allem auch mit anderen Menschen, die eine ähnliche Vision haben.

Nachdem Manuel fertig war, erklärte jede*r aus dem Team die Vision mit eigenen Worten. Alle anderen hörten schweigend zu. Wir wussten: Das hier war wichtig. Mit unserem Statement verpflichteten wir uns für unsere gemeinsame Sache. Wir sprachen aus, was wir innerlich schon fühlten: Wir wollen Move Meta gemeinsam voran bringen. Wir wollen die Hindernisse überwinden, die uns trennen, um etwas Gemeinsames zu erschaffen.

Schließlich stellten wir uns im Kreis auf, die Arme ineinander verschränkt, wie eine Fußballmannschaft vor dem großen Spiel. Es war ein feierlicher Moment, der Beginn eines neuen Move Meta. Wir waren nicht mehr länger getrennte Inseln, sondern miteinander verbunden durch unsere gemeinsame Mission.

Wir wachsen zusammen – jeden Tag mehr

Wir haben den Grundstein gelegt, um als Team zusammen zu arbeiten. Wir haben uns einander geöffnet, Konflikte offen gelegt und da, wo es ging, bereinigt. Aber wir wissen auch: Es gibt noch einiges zu tun. Unsere Egos werden immer wieder ihren eigenen Vorteil suchen und die Gruppe stören. Es liegt an uns, das zu erkennen, anzusprechen und damit zu arbeiten. Denn schließlich ist es ja auch das, was wir mit unseren Teilnehmer*innen machen: Wir lernen, wie ein liebevolles Miteinander funktioniert. Jeden Tag.

Florian Eichhorn
florian@movemeta.org

Ich möchte das Leben lieben und andere damit anstecken. Als Gründer der Essener Gruppe erlebe ich immer wieder, wie wertvoll die Auseinandersetzung mit unserem Inneren ist und wie heilsam es sein kann, offen und ehrlich damit umzugehen.

4 Kommentare
  • Alexander
    Veröffentlicht am 23:26h, 19 Mai Antworten

    nach 5 Monaten und der Gelegenheit jedem von Euch einmal in die Augen zu sehen, reduzieren sich meine Gedanken dazu auf eine Frage:
    und dann?

    • Florian Eichhorn
      Veröffentlicht am 17:35h, 22 Mai Antworten

      Lieber Alexander,

      das war der letzte große Entwicklungsschritt von Move Meta – und mit Sicherheit nicht der letzte. Im letzten halben Jahr haben wir vor allem daran gearbeitet, die Neuerungen umzusetzen. Gleichzeitig gab es schon neue Entwicklungen, die wir beobachten und gemeinsam gestalten. Beim nächsten Meilenstein gibts auf jeden Fall wieder einen Artikel. Bis dahin lade ich dich ein, mit uns zu sprechen und dir persönlich anzuschauen, was wir so machen ;)

      Alles Liebe
      Florian

      • Alexander
        Veröffentlicht am 20:38h, 22 Mai Antworten

        ich habe keine fertigen Worte dazu, weil dieser Prozess des Anschauens und mit ‚Euch‘ sprechen noch nicht abgeschlossen ist.
        aber ich bin mir ziemlich, dass auch Du noch andere und differenziertere Perspektiven zu dem einnehmen wirst, was da im Augenblick bei ‚Euch‘ geschieht.

        und auch Dir
        Alles Liebe

        • Alexander
          Veröffentlicht am 20:39h, 22 Mai

          ->sicher<-

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