Nie mehr Small Talk

20. November 2015

Bitte beachte: Ältere Artikel von mir können überholt sein. 1) Bis Februar 2017 ging ich davon aus, Liebe sei ausschließlich eine Tätigkeit. Ich glaubte, nur ich selbst könne meine Liebe machen. Heute weiß ich: Liebe ist und war zugleich immer schon da, und wird immer da sein, in mir und in der Welt. 2) Bis Juni 2017 hielt ich monogame Beziehungen für überholt und Polyamorie für das überlegene Modell. Heute weiß ich: Bevor ich mit vielen Frauen tiefe Beziehungen eingehen kann, muss ich es überhaupt erstmal mit einer Frau schaffen... 3) Bis August 2017 wollte ich alles an Menschen unterschiedslos annehmen. Heute weiß ich: Nicht alles ist Licht. Tief in uns kann es auch Muster geben, mit denen wir uns und anderen schaden und die es darum auszuschalten gilt. — Manuel

Zu Fußball, Fernsehen und Musik hab ich nicht viel zu sagen. Früher kam ich darum oft schwer ins Gespräch. Heute ist das anders: Small Talk erspare ich mir einfach gleich. Spreche ich über Liebe und Gefühle, stellt sich nämlich von selbst heraus, mit wem ich mich gut unterhalten kann. Zugleich entstehen Nähe, Verbundenheit und intensive Beziehungen. Das liebe ich!

Letztes Wochenende war ich auf einem Seminar in Köln. Ich mag es, auf Seminare zu fahren. Nicht wegen der Themen, sondern wegen der Menschen. Ich genieße es, sie kennenzulernen und von ihrem Leben zu erfahren. Ich genieße es, sie ins Reden zu bringen und ihnen zu zeigen, dass ich sie interessant finde. Weil ich es wirklich so empfinde(n will), und weil ich mir nichts Spannenderes vorstellen kann, als die Geschichte eines Menschen zu hören und sein Innerstes zu erblicken.

Genauso genieße ich es, von mir und meiner Geschichte zu erzählen. In Köln habe ich zum ersten Mal erlebt, wie jemand halb über dem Tisch hing – so sehr wollte sie erfahren, was es mit diesem einen Satz auf sich hat. Das war toll! Ähnlich war es auf dem Heimweg. Am Bahnsteig hatte ich mir eine Studentin gesucht, um auf ihr Semesterticket mitzufahren. Nach ein paar Minuten war es, als säßen wir einander in einem gediegenen Restaurant gegenüber, anstatt in einer vollen S-Bahn.

Liebe statt Small Talk

Über Liebe zu sprechen, verbindet mich mit Menschen. Nicht nur mit den Rollen und Fassaden, die sie nach außen tragen. Über Sachen und Dinge kann man sich lange unterhalten, ohne jemals persönlich zu werden. Liebe aber ist echt, Liebe bewegt, und die meisten hadern mit ihr. Vielleicht öffnen sich Menschen deshalb, wenn ich von meiner größten Liebe erzähle: der Liebe selbst. Ich zeige mein Inneres, ohne irgendetwas zu verstecken, und diese Offenheit steckt an.

Je früher ich dabei in die Tiefe gehe, desto besser. Nach stundenlanger Fahrt in seichten Gewässern endlich abzutauchen, fällt mir erfahrungsgemäß viel schwerer. Steige ich hingegen offen und aufrichtig ein, gleiten wir fast mühelos hinab. So wie in der Kölner S-Bahn. Die Studentin wirkte, als habe sie jahrelang auf ein solches Gespräch gewartet. Für mich jedenfalls fühlte sich unsere Begegnung richtig gut an, und das habe ich ihr auch gesagt. Zum Abschied hat sie mich umarmt.

Mit Small Talk hat das rein gar nichts zu tun. Und ich wüsste auch nicht, was ich davon haben sollte. Small Talk scheint mir der (unbewusste?) Versuch zu sein, vor den wirklich wichtigen Themen, den wirklich tiefen Einsichten, den wirklich bedeutenden Momenten im Leben davonzulaufen und sich auf eine einsame Eisscholle zurückzuziehen. Ich finde das todlangweilig, und das macht Small Talk für mich oft zur Qual. Viel lieber will ich mich mit anderen verbinden und total gut fühlen!

Im Leben geht es nur um eines…

Das ist für mich der einzige Zweck von Kommunikation: Sich miteinander gut zu fühlen. Was ich dafür tun kann, wollte ich lernen, als ich mich damals fragte: „Wie mache ich, dass andere sich mit mir gut fühlen, und ich mich mit ihnen?“ Ich wollte mehr, als mich nett unterhalten zu können. Jeder weiß, wovon „nett“ die kleine Schwester ist. Ich wollte lernen, wie & wofür andere mich wiedersehen, meine Freunde sein oder mit mir schlafen wollen. Und ich wusste: Der Schlüssel dazu sind Gefühle. Alles, was wir Menschen uns vom Leben erhoffen, sind gute Gefühle – mit wem wir sie erleben, *dem* öffnen sich Türen, Tore und Herzen (und mehr…).

Vielleicht kommt dir das allzu berechnend vor. Als ich mir das damals so überlegte, war ich auch wirklich nur ein kühler, rationaler Stratege. Ich wollte mir selbst helfen, und natürlich ging ich dafür wiederum strategisch vor. Ich begann mit dem Kopf. So ist nunmal mein Weg, und ich will dazu stehen. Der Vorteil ist, dass ich dadurch alles sehr genau reflektiere, und im Anschluss darüber schreiben kann. Wäre es anders, hätte es diesen Artikel, und Move Meta wohl nie gegeben…

Gespräche gelingen, wenn ich sie zulasse. Und wenn nicht, ist es auch okay.

Jedenfalls: Wenn es mir gelingt, mich mit anderen gut zu fühlen, liegt das viel öfter an meiner inneren Haltung als an meinem äußeren Verhalten. Wie immer in Leben und Liebe! Besonders geholfen haben mir dafür zwei Hinweise, die mir irgendwann mal gegeben wurden. Erstens: Zu jedem Gespräch gehören zwei. Wenn mein Gegenüber nicht will, oder wir einfach nicht harmonieren, brauche ich mir keinen Stress zu machen – sondern kann mich, zweitens, entspannt zurücklehnen: Der einfachste Weg zu guten Gefühlen ist in jedem Fall ein Lächeln mit Blick in die Augen. Darin liegt schon alles, worauf es am Ende ankommt.

Wenn ich mich so in Menschen einfühle, ganz ohne Worte, komme ich auch viel leichter auf gute Fragen und Themen. Immer wieder erlebe ich, dass Gespräche gerade dann spannend werden, wenn ich es nicht zu sehr „will“, sondern erstmal die Stille zulasse. Auch dabei genieße ich dann einfach diese ursprüngliche Form der Kommunikation, die ohne Worte Verbindung schafft. Das mag ich viel lieber, als zu reden, ohne mich zu verbinden.

Mag sein, dass andere anders kommunizieren. Ich bin gerne so, wie ich bin. Ich mache der Welt mein bestes Angebot, von Anfang an; und andere zeigen mir dafür genauso schnell und ehrlich, woran ich bin. Wer lieber Small Talk mag, sucht sich andere Gesprächspartner – und ich kann umso mehr Zeit mit denen verbringen, die es so echt und intensiv mögen wie ich. (Und merke immer wieder, dass die anderen dann doch noch bei meinem Gespräch zuhören wollen.)

Manuel
m@movemeta.org

Ich bin Manuel, der Gründer von Move Meta. Seit 2014 verbindet unsere Bewegung Menschen, die SelbstLiebe lernen wollen – eine aufregende, alles erschütternde Reise zu uns selbst. Über meinen eigenen Weg dorthin schreibe ich hier im Blog.

4 Kommentare
  • Jonas
    Veröffentlicht am 02:00h, 28 November Antworten

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen ihre Gefühle selbst nicht gut reflektieren können und es noch viel schwerer haben, offen darüber zu sprechen. Dazu gehört eine Portion Selbstvertrauen und auch die Gefahr einzugehen, negative Kommentare abzubekommen, die dann meistens von genau solchen Menschen kommen, die sich selten sonst reflektieren. Ich selbst habe mehrere Jahre gebraucht, um 99% von dem was in mir vorgeht auch anderen zu erzählen.

    Ich rede auch lieber darüber, was in mir vorgeht als small talk zu machen. Dennoch glaube ich, dass small talk nötig ist um erstmal in den „Flow“ zu kommen. Ich denke, das hat auch irgendwie biologische Gründe. Ich brauche zumindest immer erstmal eine kleine warm up Phase, selbst bei Menschen mit denen ich seit Jahren tiefgründige Gespräche habe. Irgendwann switched mein Gehirn dann automatisch in die tieferen Bereiche (ich mag den Begriff „Higher conciousness“ in dem Zusammenhang). Aber vielleicht hast du ja eine Möglichkeit gefunden gleich dahin zu kommen. Mich würden mal Details der Konversation mit der Studentin interessieren. Wie hast du das Gespräch begonnen und dann den Einstieg in meaningful conversation? Ich stelle mir das etwas schwierig vor: „Hey, kannst du mich auf deinem Ticket mitnehmen?“ – „Ja“ – „Danke, was geht gerade in dir vor?“

    Ich bin jemand der gerne dazu lernt, besonders in dem Bereich und werde deinen Blog jetzt auch weiter verfolgen. Wir haben uns auch schon mal auf nem Event beim Circling in Essen gesehen, da hattest du dein Projekt vorgestellt, ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst. Wie auch immer, Grüße aus LA,
    Jonas

  • Manuel Fritsch
    Veröffentlicht am 22:51h, 08 Dezember Antworten

    Lieber Jonas,

    danke für deine Gedanken und Erfahrungen! Ich sehe es als Herausforderung an, Menschen einen Raum zu öffnen, in dem sie ihre Gefühle offener zeigen können als überall sonst; in dem sie sich geborgen und willkommen fühlen. Ich möchte das können, dass Menschen mit mir Liebe spüren (am besten ihre eigene). Es gibt für mich keine größere Schönheit, in mir und in anderen.

    Um das zu lernen, gebe ich bei Move Meta keine Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Davon gibt es schon viel zu viele. Sie führen nur dazu, dass Menschen sich fremde Verhaltensmuster aneignen, in Folge unauthentisch rüberkommen und sich gerade eben *nicht* von innen heraus verbinden! Das ist das Gegenteil von Liebe, sich „Techniken der Gesprächsführung“ äußerlich zuzulegen wie eine Maske.

    Ich kenne Leute, denen andauernd wildfremde Leute ihre Lebensgeschichte erzählen. Ohne ein Wort von ihrer Seite! Das halte ich für eine Frage der Ausstrahlung – wenn ich Liebe ausstrahle, materiell gesprochen: wenn mein Gesicht Freude und meine Augen Güte ausdrücken, werde ich zum Menschenmagneten. Für mich ist das alles eine Frage der tiefen inneren Haltung. Wenn die stimmt, kommt der Rest von selbst. Ich selbst steuere die innere Haltung über den Kopf. Der Rest aber muss von Herzen gelernt werden, im Tun. Liebe ist eine Frage der kontinuierlichen Übung – eine Kunst. Als Trainingsräume haben wir darum bei uns die Gruppen. Menschen erleben so oft binnen Sekunden, was keine 1000-Seiten-Anleitung ihnen hätte erklären können. In unserem Vorspiel für alle neuen Abonnenten erzähle ich mehr darüber, wie ich mir das selber beigebracht habe.

    Zu dem Gespräch mit der Studentin darum nur so viel: Es reicht schon, anderen Menschen aufrichtiges Angenommensein zu schenken, damit Gespräche in die Tiefe gehen. Wenn ich eine gütige innere Haltung innehabe und gefragt werde, was ich denn „so mache“, geht alles sehr schnell. Im einen Moment erzähle ich noch von mir und der Liebe, und im nächsten Moment führen wir schon das tiefste Gespräch und erleben eine fantastische Begegnung. Einer der vielen Vorzüge eines Lebens für die Liebe… es verbindet mich rasant mit anderen. Ich würde auch darum nichts anderes mit meinem Leben anstellen wollen, als ein Meister der Liebe zu werden, darüber zu sprechen und davon zu erzählen!

    Alles Liebe
    Manuel

  • Connie
    Veröffentlicht am 19:03h, 24 Oktober Antworten

    Den von mir so genannten „Kleingesprächen“ gehe ich ganz bewußt aus dem Weg. Einfach, weil sie meine Lebensenergie zehren und doch zu nix führen als zu verbrachter Zeit.
    Ich erlaube mir, bei Einladungen zu fragen, ob es zu tieferen Zweiergesprächen kommen kann (ob Raum dafür ist), oder ob es sich hauptsächlich um gesellige Aktivitäten handelt (komm, wir feiern!). Zu zweiteren sage ich meist nicht zu (zumindest, wenn ich Energie investieren müßte, um hinzukommen).
    Da ich bewußt so viel wie möglich barfuß gehe, werde ich gerade in dieser Jahreszeit oft angesprochen. Hieraus ergeben sich (nicht immer, aber immer öfter ;.-)) tiefgreifende Gespräche, die oft in einer Umarmung enden. Die „Kleingesprächeinleitung“ ist oft: haben Sie keine kalten Füße? Und je nachdem, wie offen ich bin, antworte ich: „Nee, sonst hätte ich ja Schuhe an“ (gerade sehr verschlossen ;.-)) oder „Nee, denn das ist eine mentale Entscheidung, Wenn ich was will, kann ich das möglich machen.“ oder so. Und daraus ergeben sich erstaunliche Gespräche…

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 10:30h, 25 Oktober Antworten

      Das inspiriert mich, wie du das bei Einladungen handhabst! So möchte ich das auch machen. Und was bei dir die blanken Füße sind, ist bei mir die Antwort auf die Frage, was ich denn so mache. Ab dem Zeitpunkt kann ich meistens frei bestimmen, wie tief ein Gespräch werden wird, ob mein Gegenüber sich aufregen oder mir beipflichten wird, und ob er eine Karte von mir haben will. *g*

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