Sebastian aus Rostock: Babyschritte

01. Mai 2015

Bei mir ist es bisher ziemlich verkorkst gelaufen – die erste „Lektion“ vor ziemlich genau 10 Jahren habe ich nicht erkannt/gelernt. Nach einem fast-Studienabbruch gelang es mir mit einem Kraftakt dennoch, beruflich Fuß zu fassen und familiäre Erwartungshaltungen (die ich für mich schon lange anerkannt hatte) zu erfüllen. Dabei habe ich jedoch die eigentlichen Ursachen, die zu meinem Zusammenbruch führten, nicht erkannt, und mittlerweile fast 10 Jahre auf einem Weg weitergemacht, der nicht meiner ist. Das weiß ich nun.

Der jüngste, zweite Anfang zur Erkenntnis war alles andere als einfach. Abgesehen davon, dass ich in den bisher 36 Jahren meines Lebens immer das Gefühl hatte, den durch Familie (ja, auch und gerade durch meine Familie!) und Gesellschaft vorgegebenen Erwartungshaltungen nicht gerecht werden zu können, hat es viel Zeit gebraucht, überhaupt den ersten Schritt auf dem Weg zur Selbstannahme zu tun.

Wesentlich begünstigt haben das mehrere Menschen, die ich in den letzten 4 Jahren kennenlernte. Diese hatten Schicksalsschläge hinter sich oder tiefe Einschnitte im Leben – und haben sich dadurch selbst angenommen und teilweise überhaupt erst gefunden. Das habe ich so natürlich nicht erkannt, als ich diesen Menschen – heute die Menschen, über die ich Freundschaft für mich definiere – begegnete. Ich bin fasziniert von der Art und Weise, wie sie durchs Leben gehen: kompromisslos, wenn es um ihr Wohlfühlen geht (nicht zu verwechseln mit Egoismus und rein auf Eigennutz basierendem Verhalten!). Absolute Macher, die nichts auf die lange Bank schieben, die es einfach tun, wenn sie für sich erkennen, dass es ihnen gut tut. Keine Schauspielerei gegenüber anderen, kein Verhalten, das versucht, Erwartungen anderer zu erfüllen. Nur so können sie das Gute wirkungsvoll aus sich herausholen. Und damit sind sie absolut vertrauenswürdig und verlässlich. Ich weiß, sie würden sich nicht verbiegen – und daher ist die gemeinsame Zeit mit ihnen so echt, wie ich es noch nicht gespürt habe.

Meinerseits war anfangs immer der Wunsch da, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen, ich habe viel agiert. Rückblickend kann ich für mich sagen, dass ich sie nicht wirklich gesucht habe – ich bin ihnen begegnet und habe dann unbewußterweise nicht mehr „lockergelassen“. Und ich denke, dass dies ein Automatismus sein kann – nicht alles im Leben muss man bewußt tun. Im Gegenteil; vielleicht spürt man es im Inneren, dass dieser Mensch einfach sehr wichtig ist. Man wird es fühlen.

Meine letzte neue freundschaftliche Begegnung Ende letzten Jahres erlebte ich sehr intensiv und berührend. Diese brachte mich dann direkt dazu, meine Definitionen für Liebe, Verbundenheit, Selbstliebe zu hinterfragen. Ich hatte das so intensiv – trotz all der Unklarheiten – noch nicht getan. Bei der Suche im Netz nach Erklärungen und Sichtweisen stieß ich dann auf Move Meta – bam! Seither bin ich dabei, mich überhaupt zu entdecken und Schritt für Schritt zu erkennen, was ich wirklich möchte, was mir innewohnt, was ich tun muß, um mich wohl zu fühlen. Mich selbst so zu akzeptieren, wie ich von innen heraus bin. Vieles wohnt mir inne – es steht hier halt einfach aufgeschrieben!

Das Erkennen gelingt mir nur in klitzekleinen Schritten – ich habe mich über Jahre und Jahrzehnte in einen familiären, beruflichen, gesellschaftlichen Rahmen eingearbeitet, der Veränderungen nur bedingt zuläßt. Die Selbstliebe sollte ein Schulfach werden, finde ich – das würde vielen Menschen Umwege über schmerzliche Erfahrungen ersparen (ich kann bis heute nicht akzeptieren, dass es erst Schmerz und Leid geben muß, bevor eine große Erkenntnis zu gewinnen ist. Obwohl ich es ja am eigenen Leib erfahren habe).

Meine ersten Erfahrungen fühlen sich an wie ein Puzzle, dessen Teile aber nicht in der Packung sind, sondern erst durch Erlebnisse (und auch Begegnungen) im Alltag sichtbar werden. Und oft bin ich zu ungeduldig mit mir selbst – bis in meine eigenen Tiefen vorzudringen, um echten Bedarf zu erkennen und mir meinen Gefühlen klarzuwerden, ist schwere Arbeit. Daher, mit den Worten anderer: immer kleine Babyschritte machen. Ich bin voll auf dem Weg und freue mich, dass ich nicht allein auf diesem Weg bin. Ich lasse andere an meinem Weg teilhaben, freilich, ohne ihnen alles zu erklären, warum – wieso – weshalb. Ich bin aufmerksam und trainiere neben der Achtsamkeit mir gegenüber auch die Aspekte, die hier bei Move Meta genannt werden: Verbundenheit, Achtsamkeit, Aufrichtigkeit, Gefühle…

Zur Frage: „Was mache ich, um mich selbst anzunehmen?“ – Ab und zu fühle ich mich nicht gut, da überkommt mich „Traurigkeit und Schmerz“ (als hochsensibel veranlagter Mensch möglicherweise öfter als andere). Ich habe für mich herausgefunden, dass ich diese Stimmungen nicht überspielen kann (früher habe ich einfach lebhafte Musik eingelegt…). Das hilft aber nicht, es verdrängt und bringt keine Klärung für mich.

Ganz bewußt erlebe ich diese Stimmungen mittlerweile, nehme mir Zeit, um die Gefühle zu erleben und durchzugehen, das kann dann auch ein Nachmittag sein. Ich begebe mich dann meist an Orte, an denen ich unter Menschen sein kann, ohne im Mittelpunkt zu stehen (z. B. Lokale). Das gibt mir das Gefühl, dass ich nicht „allein“ bin. Am besten trifft es wohl ein Zitat von Lilit Pavel: „Trauere nicht in Deinen Einsamkeiten – durchleide sie bewußt. Steh still in ihnen, bis tiefer Lebensatem wärmend Dich durchzieht. Dann öffne Deine Augen weit, denn Du siehst neue, nicht geahnte Horizonte.“

Dieses Gefühl kann ich für mich bestätigen. Es hilft mir ungemein, meine traurigen Momente nicht zu verdrängen, sondern ihnen bewußt nachzugehen. Es gehört zu mir dazu. Warum geht es mir so? Wie stehe ich zu meinen Mitmenschen? Sehe ich die Dinge zu schwarz? Nach einer solchen Zeit geht es mir spürbar gut und ich kann wieder mit einem Lächeln starten. Dann spüre ich, was Du [in unserem Kurs – Anm. v. Manuel] beschreibst: „Ich bin gut so, wie ich bin“. Es gehört zu mir dazu und es ist in Ordnung.

Immer öfter nehme ich mir nun intensiv Zeit für mich. So gibt es bei mir (mittlerweile) Wochenenden, an denen ich nur noch für mich selbst da bin. Um in Achtsamkeit für meine eigene Gefühlswelt zu sorgen. Es ist auch ein Teil Abgrenzung gegenüber Menschen, für die ich bisher wie selbstverständlich eine Rolle gespielt habe – auch, wenn es mir selbst nicht gut ging dabei und ich ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich absagen oder verschieben mußte. Teilweise bekomme ich mittlerweile eine andere Haltung gespiegelt, es fühlt sich wie mehr Respekt/ Achtung mir gegenüber an. Nicht, dass es vorher Nichtachtung war. Es ist eben nicht mehr selbstverständlich und mein eigenes Wohlfühlen wird auch akzeptiert.

Ich bin froh, dass ich auf Move Meta gestoßen bin. Und ich habe dies nicht für mich behalten – den mir wichtigen Menschen habe ich es weiterempfohlen. Aus dem Bestreben heraus, auch ihnen Selbsterkenntnis und schöne Erlebnisse aus sich selbst heraus zu ermöglichen. Vieles wissen wir in uns; es hat oft nur noch niemand ausgesprochen.

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geschichten@movemeta.org

Was bedeutet dieser Satz für dich: "Ich bin gut, so wie ich bin?" Erzähle uns davon.

4 Kommentare
  • Helena
    Veröffentlicht am 22:59h, 02 Mai Antworten

    Sebastian, deine Geschichte klingt einfach wundervoll! Sie bestätigt sehr meinen eigenen Weg der Selbstannahme.

  • Jenny aus Berlin
    Veröffentlicht am 23:39h, 09 Mai Antworten

    Woww, ich danke dir, dass du diese (deine) Geschichte mit uns hier teilst! Ich meld mich mal, wenn ich wieder in HRo bin – komm auch gern mal bei uns in Berlin vorbei! Ich wūrde mich freuen, mehr ūber deine Erfahrungen zu hören!

  • Irmi
    Veröffentlicht am 07:14h, 10 Mai Antworten

    Lieber Sebastian, danke für Deine Offenheit. Schön, dass Du Deinen Weg gefunden hast und ihn auch gehst. Ich umarme Dich liebevoll, Irmi

  • Daniel
    Veröffentlicht am 07:42h, 10 Mai Antworten

    Danke für deinen Mut Sebastian. „Das innere nach außen kehren und dazu stehen“ und auch das „Tun“, das nehme ich mit aus deinem Bericht… Vielen Dank

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