Johann (33): „Je länger man zögert, desto fremder wird man“

12. Dezember 2015

Ich bin Pädagoge. Das ist vielleicht das Einzige, was ich in meinem Leben wirklich gerne mache. Es ist mein Alpha und mein Omega, meine Basis und mein Fundament. Meine Arbeit ist, wovon alles Gute in meinem Leben ausgeht und ohne welches nichts funktioniert.
Seit kurzem arbeite ich in einer Notunterkunft für Schutzsuchende aus der ganzen Welt; eine neue Situation für mich. Ich möchte euch von meinen ersten Tagen hier erzählen, von Angst und Abwehr, Annahme und letztlich wohl auch von Liebe.

Ich bin daran gewöhnt mit Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zu tun zu haben. Ich betreue Klassenfahrten für alle Schulformen, Gymnasium, Sonderschule, Haupt-, Real-, Waldorf- und Montessori-Schulen. Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist für mich vor allem, dass ich Kinder gut kenne. Ich habe so viel mit Kindern gearbeitet, gelacht, gefeiert, geweint und gestritten, dass ich mir in meiner Rolle ihnen gegenüber sicher bin.

Mit Erwachsenen ist das anders; Erwachsene sind verantwortungsbewusst, nicht so klar zu deuten, äußern ihre Bedürfnisse nicht so deutlich wie Kinder es tun und erwarten allgemein professionelleres Auftreten – dachte ich zumindest. Aber wie so oft musste ich feststellen, dass die Dinge nicht so sind wie sie scheinen.

Ich kam in der Notunterkunft mit gemischten Gefühlen an, ohne klaren Arbeitsauftrag, mit vielen unterschiedlichen Geschichten was dort „so abgeht“, in den hintersten Winkeln meines Kopfes sogar Sorgen um meine Gesundheit, Anschläge, Krankheiten, Verständigungsschwierigkeiten, Gewalt durch die Bewohner usw. Zugleich war da aber auch Freude: eine sinnvolle Beschäftigung, eigenverantwortliches Arbeiten und die Chance, Menschen zu helfen, die mich wirklich brauchen.

An meinem ersten Tag verließ ich das Büro kaum, versuchte Prozesse zu organisieren und das Chaos zu beseitigen, das entsteht, wenn sich keiner so wirklich für Ordnung und Struktur verantwortlich fühlt oder die Zeit fehlt, sie aufzubauen. Zwischendurch ging ich durch die Gänge und sah mir die mir fremden Menschen an. Dunkle Teints, Kopftücher, an den Seiten kahlrasierte Köpfe, vorsichtige Blicke, das Gewirr fremder Sprachen, das Gefühl vielleicht besser auf der Hut zu sein.

Wie sollte ich diesen Menschen näherkommen? Ich versuchte es zuerst mit Nicken und Lächeln, was zu meiner Freude auch zu verhaltenen, aber freundlichen Reaktionen führte.

Der zweite Tag verlief ähnlich wie der erste: Organisation, wenig Kontakt zu den Bewohnern. Meine Kollegen waren die meiste Zeit unterwegs, um mit den Kindern zu spielen oder einen Deutschkurs für die Bewohner anzubieten. Ich fragte mich, ob das nun bereits die Arbeit sei, für die ich hierher gekommen war und ob das auch die Arbeit wäre, die ich hier machen wollte. Ich fand keine wirkliche Antwort; zu groß war auch der Respekt vor den Menschen, die größtenteils erwachsen, teilweise ablehnend auf mich wirkten und bei denen ich mich fragte, ob sie mich und meine Anwesenheit überhaupt als angenehm empfinden oder mich vielleicht vielmehr als einen Eindringling, einen Übergeordneten sehen würden, der abzulehnen sei.

Am Abend dieses Tages erinnerte ich mich an einen Satz von Kafka: „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man“. Ich sah mich selber, wie ich vor der Tür der Notunterkunft stand, drinnen die Menschen und ich vor der Tür, unsicher ob ich nun hineingehen oder mich lieber abwenden und die Welt ihre Probleme selbst lösen lassen sollte. Mir wurde klar: Je länger ich nichts tun würde, um auf die Menschen zuzugehen, desto fremder würde ich ihnen und sie mir werden.

Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, nicht länger vor der Tür zu stehen, stellte es sich als gar nicht so schwer heraus mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Für viele reichte bereits ein freundliches Lächeln als erste Kontaktaufnahme. Ich setzte mich bei einigen Bewohnern zum Essen dazu und obwohl ich nicht verstand, wovon sie redeten, war ich zumindest da. Außerdem ist Lachen eine Sprache, die alle Menschen verstehen. Ich begann mich darauf zu konzentrieren, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, mit Händeschütteln oder Schulterklopfen, Arm um die Schultern legen und Umarmen, denn in meiner Erfahrung schafft das Nähe, Vertrauen und gegenseitigen Respekt.

Das ist nun zwei Wochen her. Die Menschen, die hier leben, sind mir wichtig geworden. Ich habe sie in unterschiedlichsten Situationen erlebt, mit Wut, Trauer, Freude, Apathie, Spaß und immer wieder Freude. Ein hier oft gehörtes Zitat lautet: „Es sind die kleinen Dinge, die zählen“, und ich verstehe seine Bedeutung, wenn ich die Schutzsuchenden sehe, die lächeln wenn sie mich sehen. Ich freue mich auch, wenn ich sie sehe. Selbst wenn unsere Gespräche sich häufig auf „Gut?“ (Daumen nach oben) und ein Lächeln beschränken, habe ich das Gefühl, für jemanden den Alltag einen Moment lang besser zu machen, der mit Anfang zwanzig bereits seine ganze Familie, seine Heimat, Freunde, Haus und Besitztümer verloren hat. Der nach einer langen, beschwerlichen Reise nun darauf hofft, irgendwann wieder zu einem Leben mit Selbstbestimmung und Normalität zurückkehren zu dürfen.

Wenn ich darüber nachdenke, was ich hier erlebt habe, kommen viele starke Emotionen in mir auf. Zuerst ist da Dankbarkeit. Dankbarkeit für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, für den Spaß, den ich mit den Schutzsuchenden habe, beim Tischtennis spielen, beim Klettern, beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, beim Deutschkurs und für all die kleinen und großen Geschichten, die mir erzählt wurden. Auch spüre ich viel Freude über die vielen Menschen (auch Helfer), die ich kennenlernen durfte. Es gibt für mich nichts Schöneres als Menschen, die sich mit absoluter Leidenschaft für andere einsetzen, die mich mit Ihrer Kraft und mit ihrer Ausstrahlung inspirieren, mit denen ich eine Verbundenheit auf einer tiefen, seelischen oder vielleicht einfach menschlichen Ebene fühle. Die Freude darüber, dass ich mich hier ausprobieren durfte, dass mich die Menschen einfach angenommen haben, wie ich bin und sich über die „kleinen Dinge“, die ich tun konnte, immer wieder so erfreut und vor allem dankbar gezeigt haben.

Eine Kollegin sagte einmal zu mir: „Ich liebe es, hier zu arbeiten, weil ich dann mein eigenes Leben für eine Weile hinter mir lassen kann. Hierher zu kommen ist wie ein kleiner Urlaub, eine kleine Auszeit.“ Dieses Gefühl teile ich voll und ganz. Während ich hier bin, kann mein „Ich“ Urlaub machen, da meine Aufmerksamkeit für andere Menschen gebraucht wird.

Letztlich fühle ich aber auch Trauer, wenn ich an meine Erfahrungen hier denke. Trauer über die Schicksale der Menschen, und vor allem Trauer darüber, dass es so wenige Begegnungen gibt zwischen denen, die hier Schutz suchen und denen, die in unseren Land bereits leben. In der Unterhaltung mit Deutschen habe ich häufig das Gefühl, dass viele helfen wollen, aber ihre eigenen Fähigkeiten, genau wie ich am Anfang, für nicht ausreichend halten.

„Was kann ich denn schon tun?“ – „Dagegen sind unsere Probleme ja nichts!“ hört man da. Ja, jeder Mensch hat seine Probleme und für keinen ist es einfach, aber wir können mit kleinen Dingen bereits Veränderungen erwirken. Wir können erschossene Familienmitglieder und Freunde nicht wieder zum Leben erwecken und auch zerstörte Leben nicht wiederherstellen, aber wir können den Leuten Hoffnung geben, Freude bereiten, ihnen zuhören, sie zum Lachen bringen und dabei auch unsere eigenen Existenzen, mit Hoffnung und Liebe erfüllen.

Es gibt viele Menschen auf der Welt, die Hilfe brauchen. Die momentan bei uns Schutz suchen, sind solche Menschen. Statt ohnmächtig die Massen zu betrachten, sich zu fragen wie wir das schaffen sollen und ob man überhaupt etwas tun kann, bitte ich euch: Geht auf diese Menschen zu. Spielt, lächelt, lacht, unterhaltet euch, ladet sie zu euch zum Essen ein, meldet euch bei eurer lokalen Flüchtlingshilfe, geht in die Notunterkünfte und bietet eure Hilfe an, werdet als Übersetzer aktiv oder arbeitet mit in der Betreuung von traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Es geht mir nicht darum, die ganze Welt zu retten oder all die Dinge wegzuschieben, die diese Menschen erlebt haben. Für mich geht es darum, den Menschen zu zeigen, dass sie immer noch Menschen sind, das „wir“ keine Angst vor „ihnen“ haben, dass „sie“ genauso in Ordnung sind wie „wir“. Es geht darum, den Leuten Freude, Hoffnung und damit Liebe zu geben und ihnen zu zeigen, auch wenn sie alles verloren haben, dass sie hier eine neue Basis, ein neues Fundament, einen neuen Grundstein bekommen.

Das Schlimmste für Menschen ist, nicht dazuzugehören, falsch zu sein, ungeliebt, verachtet und gehasst. Deshalb bitte ich euch, zögert nicht vor der Tür, geht hinein und macht das Fremde zu eurem Eigenen.

Johann

P.S.: Hier ein paar Eindrücke aus meiner Zeit hier:

Ich erinnere mich daran, wie Abdulla am Tag der Abreise auf mich zutrat und mir den Schal, den ich gerade um meinen Hals gelegt hatte, in einem komplizierten Muster legte und mir sagte: „You are good man, you are good friend!“
Ich erinnere mich an das blasse, traurig-abwesend lächelnde Gesicht Ozhins, der am Abend zuvor einen Anruf erhalten hatte, dass seine Eltern getötet worden seien.
Ich erinnere mich an die zynische Machtlosigkeit Balens, der sagte „This is goood“, „Very goood“, nachdem ihm mitgeteilt wurde, dass er in eine weitere Notunterkunft gebracht werden würde, ohne zu wissen, ob und wann es für ihn weitergehen würde.
Ich erinnere mich an Sarah, die mit zusammengekniffenen Augen, laut lachend und kreischend auf den Schultern meines Kollegen den Flur hinunterritt.
Ich erinnere mich an Mohammed, der als weinendes Häufchen Elend im Speisesaal saß, weil ein ihm unbekannter Deutscher nun sein gesetzlicher Vormund und Pflegevater werden sollte. Ich erinnere mich auch an den Moment, als Mohammed ein paar Tage später, aufrecht gehend und von innen heraus strahlend, wie ein neuer Mensch die Unterkunft betrat, glücklich mit seiner neuen Situation und für den Moment nicht mehr heimatlos.
Ich erinnere mich an die Rezeptionistin Nicole, die nach dem Ende ihrer Schicht Mohammed besuchen fuhr, um zu prüfen ob es ihm auch wirklich gut ging.
Ich erinnere mich an vieles Schönes und vieles Trauriges, und vor allem erinnere ich mich an eins: Das Gefühl, absolut und sowas von hier und jetzt da zu sein. Als würde ich auf dem Handgelenk unserer Zeit stehen, getragen von den Wellen, die sekündlich unter der Haut durch die Adern pumpen.

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2 Kommentare
  • Britta
    Veröffentlicht am 15. Dezember 2015 um 09:27 Uhr Antworten

    Lieber Johann,

    danke für dein teilen! Es tut gut, das zu lesen. Alles Liebe, von mir.

  • Iris
    Veröffentlicht am 20. August 2017 um 14:26 Uhr Antworten

    Lieber Johann,

    Danke. Danke dafür, was du getan hast und dafür, dass du uns davon erzählst.
    Deine beiden letzten Sätze finde ich grandios. Was für ein Bild!

    LG Iris

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