Ich ziehe ins Kloster

Mann vor einsamer Hütte, Blick in Sonnenaufgang

19. November 2017

Die Welt, in der ich leben will, ist unvorstellbar anders. Und doch wissen wir alle genau, wie sie aussieht. Sie scheint in ferner Zukunft zu liegen; und doch umgibt sie uns schon immer, von vielen unbemerkt. Sie kommt uns ganz unmöglich vor – und doch entsteht sie, mitten unter uns.

Auch ich kann sie nicht immer sehen, diese neue Welt. Oft bin ich zu sehr im Ego, glaube nichts zu fühlen und scheine von anderen abgeschnitten. Dann glaube ich nicht mehr, dass es sie geben kann. Dann vergesse ich sogar ihre Möglichkeit, und das Leben wird zur endlosen Kette mühseliger Pflichten.

Und dann gibt es wieder Momente, wo ich Frieden spüre, Verbundenheit, Mitgefühl… wo ich die Grenzen meines kleinen Universums sprenge, aus freien Stücken etwas für andere tue und großzügig bin; wo ich ganz bei meinem Gegenüber bin, mich einfühle und die Welt aus seinen Augen sehen will. Dann spüre ich eine tiefe Wärme und mir wird bewusst, wie nahe wir alle ihr in jedem Moment sind: einer Welt voll Liebe.

Es sind diese Momente, in denen ich Entscheidungen über mein Leben treffe. In solch einem Moment habe ich entschieden, ins Kloster zu ziehen. Allerdings in keines, wie man sich Klöster normalerweise vorstellt. Ich werde keine Mönchskutte tragen, an den Wänden hängen keine Kruzifixe und von Zölibat ist auch keine Rede. Ich ziehe zu Go & Change, ins ehemalige Kloster Maria Schnee in Lülsfeld.

Bei Go & Change geht es darum, uns die liebevolle Welt zu er-leben, von der wir alle heimlich träumen. Und dafür alles aus dem Weg zu räumen, was ihr im Wege steht, tief in uns drin: alle Muster, die uns lieblos machen, den besten Absichten zum Trotz; alle Glaubenssätze, die uns klein halten; alle Traumen, in deren Verdrängung wir so viel Energie stecken, dass für das Lieben kaum etwas übrig bleibt. Bei Go & Change schauen wir uns alles nochmal an und fühlen die ganze Sch**** nochmal durch. So lange und so gründlich, bis wir frei sind von den Schatten der Vergangenheit, bis das Licht in uns hell erstrahlt.

Ein Teil von mir hat davor übelst Angst. Es ist derselbe Teil, der schreit: „Neeein, du wirst dich auflösen, du wirst nur noch für andere und für die Liebe leben, und was wird dann aus dir?“ Fünf Jahre lang habe ich in Bochum mein Ding gedreht, habe von morgens bis abends allein über mein Leben entschieden. Nun liegt vor mir das exakte Gegenteil. Nun geht es darum, loszulassen vom Prinzip „meins, MEINS, MEINS“, auf das ich mein Leben bisher gebaut habe. Es wird nicht mehr gekocht, was Ego will, gearbeitet, was Ego will, geschlafen, wie viel Ego will, rausgezogen, wann Ego will. Ich werde lernen, in einem größeren Wir aufzugehen, einer Gemeinschaft, einem Feld voll Liebe. Und ich werde es lieben. Je mehr ich mein höheres Selbst befreie, je weiter ich mein Ego mache, je liebevoller ich werde: umso mehr Liebe spüre ich in mir.

Noch stehe ich am Anfang dieses Weges. In mir wirken Muster (Verhaltensprogramme) von u. a. Egozentrik, Arroganz, Dominanz, Kontrolle, Opfer, Retter, Gefühlsunterdrückung, Prozessmüdigkeit, Vergesslichkeit und Expertentum (Liste vorläufig). Sie alle wurden mir bei Go & Change gespiegelt und bewusst gemacht. Meine Muster greifen Hand in Hand: Wenn andere in der Gruppe ihre Schatten ansehen und ich Gefahr laufe, mitzufühlen, so werde ich alsbald unfassbar müde. Von da aus gehe ich ins Opfer („ich kann nicht fühlen“) und schnurstracks weiter in die Arroganz: Fickt euch doch mit eurer Liebeskacke, wer glaubt denn an sowas. Und mein Vergesslichkeitsmuster sorgt dafür, dass mir bloß keiner der Momente einfällt, wo die Menschen bei Go & Change mich tief berührt haben – wo ich die neue Welt bereits erblickt habe.

Als Gast waren diese Muster überrumpelt. So nahm ich anfangs noch deutlich wahr, wie viel Liebe bei Go & Change herrscht. Nun laufen meine Muster zur Hochform auf, weil ihnen der Kampf angesagt wurde. Deshalb habe ich dort zuletzt weniger Liebe gespürt: Denn Muster gehen nicht in liebevolle Verbindung, sondern machen mich egozentrisch, trennen mich von anderen und ziehen mich raus. Aber trotzdem kann ich handeln, so gut ich kann; kann falsche Gefühle („ich bin ja so überfordert“) und Empfindungen erkennen („ich will einfach nur schlafen… schlafen…“ – obwohl ich gerade noch hellwach war) und da sein. Es ist wie Freiruckeln, wenn man im Urlaub am Strand eingegraben wurde. Erst geht nur ein ganz klein bisschen, dann geht etwas mehr, bis man irgendwann einfach aufstehen und ins Wasser springen kann.

Ich will mich freiruckeln. Ich will diese Welt unbedingt erleben, in die ich manchmal einen Blick erhasche. Ich will mein altes Leben hinter mir lassen, um ein erfüllteres zu beginnen. Lange habe ich es auf eigene Faust versucht; nun begreife ich: Das war das Problem. Menschen sind nicht dafür gemacht, alleine und abgetrennt zu leben. Wir sind soziale Wesen, Teil eines Stammes, sind Brüder und Schwestern. Wir brauchen einander, um unsere Liebe zu befreien und zu feiern, immer wieder von neuem.

Mein altes Bild von mir selbst löst sich auf und macht Platz für etwas Neues. Ich bin nicht bloß ein Ich, sondern ein Ich im Wir. Ich bin Teil einer Gemeinschaft; ihre Ziele, Anliegen und Bedürfnisse sind die meinen und wichtiger als das, was mein Ego will. Am Ende ist das Beste für alle auch das Beste für mich.

Noch fällt es mir schwer, diese Perspektiven bewusst zu halten. Doch wenn ich kräftig springe, kann ich über meinen Horizont hinausschauen. Und was ich da erkenne, ist überwältigend.

Ich ziehe ins Kloster, um eine Welt voll Liebe zu betreten. Meine Angst ist groß. Die Sehnsucht ist größer.

Manuel
m@movemeta.org

Ich bin Manuel, der Gründer von Move Meta. Seit 2014 verbindet unsere Bewegung Menschen, die SelbstLiebe lernen wollen – eine aufregende, alles erschütternde Reise zu uns selbst. Über meinen eigenen Weg dorthin schreibe ich hier im Blog.

3 Kommentare
  • Johannes
    Veröffentlicht am 04:36h, 27 November Antworten

    Genial! Spätestens nächstes Kennenlernwoche komme ich!!!! Versprochen!

    Und danke Dir (noch sehr vom Kopf, aber definitiv auch vom Herzen!)!!!

  • Frieda
    Veröffentlicht am 10:30h, 11 Juni Antworten

    Das macht neugierig, weil es neu und die Sehnsucht so alt ist
    Es macht auch Angst, weil ich doch weder mit meiner Gier noch mit irgendeiner Sucht konfrontiert werden will.

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