Gefühle sind dazu da, auf sie zu hören

...und alle Gefühle gleich gut zu spüren, heißt nicht, gleich viel davon erleben zu wollen.

04. Juni 2015

Bitte beachte: Ältere Artikel von mir können überholt sein. 1) Bis Februar 2017 ging ich davon aus, Liebe sei ausschließlich eine Tätigkeit. Ich glaubte, nur ich selbst könne meine Liebe machen. Heute weiß ich: Liebe ist und war zugleich immer schon da, und wird immer da sein, in mir und in der Welt. 2) Bis Juni 2017 hielt ich monogame Beziehungen für überholt und Polyamorie für das überlegene Modell. Heute weiß ich: Bevor ich mit vielen Frauen tiefe Beziehungen eingehen kann, muss ich es überhaupt erstmal mit einer Frau schaffen... 3) Bis August 2017 wollte ich alles an Menschen unterschiedslos annehmen. Heute weiß ich: Nicht alles ist Licht. Tief in uns kann es auch Muster geben, mit denen wir uns und anderen schaden und die es darum auszuschalten gilt. — Manuel

Mein Leben begann ich zu lieben (und meine Berufung zu finden), als ich beschloss, radikal meiner Freude zu folgen: Möglichst nur noch das zu tun, was sich gut anfühlt. Natürlich fühle auch ich mich manchmal schlecht; doch diese Gefühle wollen mir bloß zeigen, dass ich von meinem persönlichen Weg abgekommen bin. Ihr Zweck ist keineswegs, dauerhaft erlitten zu werden.

Auf Gefühle habe ich früher nie gehört. Auf mein altes Leben blicke ich darum zurück, als sei es das eines irren Roboters. Meine gesamte Schulzeit, und der größte Teil meines Studiums: Fremdbestimmt, zielgetrieben, und fast immer eine Qual. Das meiste, was ich zu tun hatte, hasste ich! Latein, Mathe, Physik-Vordiplom… Und nie kam ich darauf, dass mein Bauchweh etwas damit zu tun haben könnte, das mich jahrelang morgens begrüßte. Eine solide konditionierte Selbstverachtung also, und ein Leben voll aktivem Selbsthass. Auch meine Umwelt bekam das zu spüren – denn wie nach innen, so nach außen. Wie konnte es nur dazu kommen?

Soweit ich es erkenne, prägt unsere Gesellschaft ein tiefer Glauben, wer im Leben möglichst viel Leid erträgt, sei ein besserer Mensch. Wem es hingegen gut geht, der könne kein Gerechter sein. Der Westen verdankt Luther und Calvin nicht nur die Reformation, sondern auch einen tiefen Hass auf das eigene Leben, auf die SelbstLiebe (vgl. E. Fromm). Bis heute leben wir diesen Hass, wo wir glauben, dass es im Leben nicht um Freude und Glück ginge, sondern zuerst um Leistung.

Auch ich teilte diesen Glauben. Bis ich 2013 ausgetreten bin – auch wenn das hieß, bei Arbeitgebern Unverständnis zu ernten, und manche guten Freunde zu verlieren. Der Preis ist es absolut wert: Wer mich nur zu der Bedingung akzeptiert, ich und meine Gefühle seien falsch, der hat in meinem Leben ohnehin nichts verloren. Da bin ich entschieden und unbeirrbar. Wer keine Liebe für mich hat, dem will ich gerne Vorbild sein – und zwar mit einem Adieu, das von Herzen kommt.

Heute höre ich auf meine Gefühle, und handle so, dass ich mich gut fühle. Mein Leben ist dadurch sehr einfach geworden: Es reguliert sich selbst. Über vieles mache ich mir keinen Kopf mehr, denn ich spüre ja schon, was Sache ist. Wenn ich merke, etwas tut mir gut, dann mache ich mehr davon. Wenn mir etwas nicht behagt – dann lasse ich es sein. Ich brauche keinen Wissenschaftler, der mir sagt, wie ich mein Leben leben soll. Ich spüre in mich, dann folge ich der Freude.

Gefühle sind für mich also wie Wegmarken. Die Welt ist so komplex; mein Verstand allein ist wie ein Blinder, der nachts durch Nebel tappt. Laufen geht – aber um zu wissen, wo es langgeht, muss ich fühlen! „Schlechte“ Gefühle oder Schmerzen sagen mir: Halt, hier gehts nicht weiter. „Gute“ Gefühle sagen mir: Ja, komm hier lang.

Gefühle sind der eingebaute Kompass allen Lebens; der Lackmustest, um gut und böse zu unterscheiden. Einzig und allein der Mensch verherrlicht das, was sich schlecht anfühlt – echt eine saublöde Idee. Vor allem, weil wir unsere „schlechten“ Gefühle vor lauter Überfluss zu hassen gelernt haben. Unsere Ablehnung jedoch erzeugt umso mehr davon. Das ist das Perfide an Martins und Johannes‘ Vermächtnis: Es ist das exakte Gegenteil von Liebe. Es führt immer zurück zum Schmerz.

Eben darum ist es wichtig, alle meine Gefühle gleich gut zu fühlen. Sie alle sind wertvoll! Denn sie alle sollen mich auf irgendetwas hinweisen, das wichtig für mich ist. „You cannot selectively numb“, man kann sich nicht selektiv betäuben, sagt Brené Brown in ihrem berühmten Video. Und das heißt, auch „schlechte“ Gefühle als etwas Gutes anzunehmen, wenn ich Freude, Glück und Liebe erleben will. Nicht, weil sie so toll wären – sondern weil sie mir zeigen, wo mein Weg nicht langführt.

Die Vorstellung hingegen, gleich viel Freude und Schmerz erfahren zu wollen, ist für mich so lebensfeindlich, als würde ich beim Backen (mache ich sehr gerne) ständig eine Hand in den Mixer halten (hab ich genau einmal gemacht). Meine Schwester besteht trotzdem darauf, mir solch ein Lebenskonzept als ausgewogen und harmonisch zu präsentieren. Ich jedoch halte das für ein Missverständnis: Ja, ich liebe alle meine Gefühle. Doch das heißt nicht, auch allen den Hof zu machen.

Je unglücklicher ich bin, umso enger wird mein Herz. Schlechte Gefühle aktivieren Reptilienreflexe von Flucht, Schockstarre oder Angriff, und nicht meine höhere, menschliche Fähigkeit zur Liebe. Eben darum hat meine SelbstLiebe nichts damit zu tun, Unglück und schlechte Gefühle dauerhaft auszuhalten – genauso wenig, wie sie zu „überwinden“ (=ignorieren, bekämpfen, betäuben) und „mutig über den eigenen Schatten zu springen“ (=gegen schlechte Gefühle zu handeln). All das halte ich für gefährlichen, dummen Unfug. Meine Gefühle sind dazu da, auf sie zu hören, sie liebevoll anzunehmen – und so schließlich zurück zur Freude zu finden.

Manuel
m@movemeta.org

Ich bin Manuel, der Gründer von Move Meta. Seit 2014 verbindet unsere Bewegung Menschen, die SelbstLiebe lernen wollen – eine aufregende, alles erschütternde Reise zu uns selbst. Über meinen eigenen Weg dorthin schreibe ich hier im Blog.

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