Eine Ehre, die mich (fast) sprachlos macht

07. Juni 2015

Bitte beachte: Ältere Artikel von mir können überholt sein. 1) Bis Februar 2017 ging ich davon aus, Liebe sei ausschließlich eine Tätigkeit. Ich glaubte, nur ich selbst könne meine Liebe machen. Heute weiß ich: Liebe ist und war zugleich immer schon da, und wird immer da sein, in mir und in der Welt. 2) Bis Juni 2017 hielt ich monogame Beziehungen für überholt und Polyamorie für das überlegene Modell. Heute weiß ich: Bevor ich mit vielen Frauen tiefe Beziehungen eingehen kann, muss ich es überhaupt erstmal mit einer Frau schaffen... 3) Bis August 2017 wollte ich alles an Menschen unterschiedslos annehmen. Heute weiß ich: Nicht alles ist Licht. Tief in uns kann es auch Muster geben, mit denen wir uns und anderen schaden und die es darum auszuschalten gilt. — Manuel

Die junge Frau hatte mich gar nicht gesehen. Im Strom der Besucher zog sie an mir vorbei, den Blick mal hier, mal dort ruhen lassend. Ihre Mimik wirkte eher gefasst als gelöst; durch ihre kurzen, blaugrünen Haare fiel das Sonnenlicht, die Arme hingen locker zu ihren Seiten. Sie war allein. Immer weiter lief sie, und wäre beinahe weg gewesen; da fasste ich mir ein Herz und lief ihr nach. Wie sie wohl reagieren würde…

Eigentlich wollte ich sie bloß fragen, ob sie wohl Single sei. Die Jungs vom Speeddating, dem einzigen ungewöhnlichen Angebot auf zwei Kilometern, bekamen das nicht so hin mit der Akquise. Da hatte ich beschlossen, auszuhelfen. Ja, Single sei sie. Doch nein, auf Dates gehe sie nicht. Ich setzte an, Lebwohl zu sagen – da sah sie das kleine Schild, das immer an meinem Rucksack hängt. „Free Hugs“, sagte sie. „Ja, ich bin eigentlich gar nicht vom Speeddating. Ich umarme Leute lieber.“ –

Heute Abend hat mich eine Erkenntnis getroffen. In der Stadt war tagsüber die gesamte Universitätsstraße gesperrt, und Tausende Tische standen aneinander, zur Feier des 50. Geburtstages der Bochumer Ruhr-Uni. Überall waren Menschen, und viele Gruppen und Vereine stellten sich vor. Eine gute Gelegenheit, eben jenen denn auch Move Meta vorzustellen, dachte ich mir – etwas kränkelnd, wollte ich es diesmal ohne Free Hugs versuchen. Doch das wollte nicht gelingen.

Ich zog an den Tischen vorbei, und etwas in mir sperrte sich. Alle schienen mir so weit weg, so viele nur für sich zu sein. Täuschte ich mich; lag es nur an mir? Die Menschen lachten wohl, aber sahen sich kaum an. Es fühlte sich an, als ob jeder seine persönliche Glaswand mit sich herumtrüge. Manchmal schienen zwei (Cliquen) die ihren zu durchbrechen, und begrüßten sich. Umarmungen, weit vornübergebeugt.

Am Speeddating-Tisch einer Kommunikationsagentur kam ich schließlich doch noch ins Gespräch. Liebe ist immer mein Thema. Da die Jungs sich schwer taten, genügend Teilnehmer zu finden, bot ich nach einer Weile an, zu helfen. Und da man mir nicht glauben wollte, dass ich sowas kann, stand ich auf, drehte mich zur Straße und breitete die Arme aus. Sofort kamen zwei Frauen auf mich zu.

Vom letzten Wochenende wusste ich ja schon, dass Arme+Schild prächtig funktionieren. Dass es allerdings so gut klappen würde, hat selbst mich überrascht – und die Jungs ein wenig sprachlos gemacht. Danach sah ich mich erstmal genötigt, darauf hinzuweisen, dass ich kein Pickup-Artist bin, sondern Liebe in die Welt bringe! Und bei dieser Demonstration beließ ich es auch, da ich Umarmungen nicht für andere Zwecke missbrauchen möchte  (Speeddating – mjaa…). Für die nächste Stunde half ich trotzdem, Leute anzuquasseln. Bis zum Mädchen mit den blaugrünen Haaren. –

Ich bringe innen schöne Menschen zusammen, die Liebe in die Welt bringen wollen, sagte ich ihr, nachdem wir uns umarmt hatten. Da Move Meta den Geist von Free Hugs teilt, bin ich so frei, Menschen nach einer Umarmung auch zu uns einzuladen. Sie schien sich zu freuen, wie die meisten. Dann gingen wir auseinander.

Immer wieder musste ich seitdem an diese beiden Begegnungen denken: Welchen Unterschied meine simple Geste gemacht hatte, und wie viel ich wohl in denen bewege, die mich erleben… Bis es vorhin beim Essen schließlich Klick machte, und ich begriff, was ich da eigentlich tue. Was ich da eigentlich Unfassbares anstelle.

Auch ich war heute die meiste Zeit ein gewöhnlicher Passant. *Nicht* in Verbindung zu treten, war Teil meiner Rolle. Zweimal jedoch habe ich diese durchbrochen, und damit das Glas zwischen mir und anderen. Anstatt das Spiel „Ihr seid alle nicht da“ weiterzuspielen, habe ich ein neues rausgeholt: „Ich bringe Liebe in die Welt.“

Ich bringe Liebe in die Welt. Ich darf Menschen etwas geben, das sie vielleicht Tage, Wochen, Monate, manchmal Jahre nicht mehr erlebt haben: Ein anderer Mensch, der sich mit ihnen verbinden möchte. Aufrichtig, ohne nach Alter und Figur, Männlein und Weiblein zu sortieren. Mit einem echten Lächeln. Ich stelle mich hin, wirbele mal eben ein paar Weltbilder durcheinander, und lasse die Sonne aufgehen. Einfach so. Einfach so! Das meine ich mit: Besser als Geld, Macht und Sex.

Ich öffne Herz und Arme, und plötzlich ist um mich herum, was eben noch weit und breit fehlte. Gar nicht wenige spüren das; spüren womöglich, wie kalt ihnen trotz praller Sonne gewesen ist. Dafür gebe ich 100%: Mein kleines Free-Hugs-Schild, oder mein Lächeln allein reichen nicht aus. Auch im (sachlichen…) Gespräch gelingt es mir nicht immer, befriedigende Erklärungen zu finden. Doch Arme, Schild und Lächeln zusammen – und Menschen fangen zu leuchten an.

Dieses Geschenk machen zu dürfen, ist eine Ehre. Das Erhabenste, was ich mit meinem Leben anstellen kann. Ich bin dankbar, das so deutlich sehen zu können.

Manuel
m@movemeta.org

Ich bin Manuel, der Gründer von Move Meta. Seit 2014 verbindet unsere Bewegung Menschen, die SelbstLiebe lernen wollen – eine aufregende, alles erschütternde Reise zu uns selbst. Über meinen eigenen Weg dorthin schreibe ich hier im Blog.

Dein Kommentar ist willkommen.

Ich akzeptiere

Liebe dein Leben. Werde Teil unserer Revolution.