Ein Date mit mir und meiner SelbstLiebe

25. April 2019

Was ist das eigentlich: Selbstliebe? Wenn mich jemand fragt, sage ich so Sachen wie: „Selbstliebe bedeutet, dich voll anzunehmen. Mit allem, was du hast und bist.“ Dann nicken die meisten. Ehrfürchtig. Weil ich das ja scheinbar begriffen habe mit der Selbstliebe. Manchmal – das freut mich besonders – fragt mal jemand: „Lebst du das denn auch immer?“ Dann muss ich meist grinsen.

Was es bedeutet, wirklich alles anzunehmen

Ich stehe vor dem großen Spiegel und sehe mich an. Im Hintergrund brennen Kerzen. Ein Räucherstäbchen ist gerade verglüht. Der Raum ist warm. Ich bin bereit.

Langsam ziehe ich meinen Pulli aus, meine Hose, die Socken. Ich spüre den flauschigen Teppich unter meinen nackten Füßen. Ich betrachte mich wieder im Spiegel. Wann habe ich mich das letzte Mal komplett angesehen? Ist das vielleicht das erste Mal so bewusst? Mein T-Shirt landet ebenfalls auf dem Wäschestapel. Bei der Unterhose zögere ich kurz. Selbst jetzt schäme ich mich. Aber es gibt kein Zurück. Ich habe mich für dieses Date entschieden.

Als ich schließlich nackt vor dem Spiegel stehe, atme ich ein paar Mal tief durch. Das ist also mein Körper. Ich betrachte ihn von oben bis unten. So schlecht sieht er gar nicht aus. Aber da gibt es diese Stellen, die mich immer wieder aufregen. Also zähle ich sie auf: Meine dünnen und zu kurzen Beine. Meine mickrigen Oberarme. Mein Lächeln, bei dem immer das Zahnfleisch zu sehen ist. Bald bin ich nicht mehr nur bei den körperlichen Makeln. Ich spreche offen aus, dass ich es nicht leiden kann, wie ich mich oft in den Mittelpunkt dränge. Dass ich mich werweißwie aufspiele und es dann trotzdem vermeide, einen klaren Standpunkt zu beziehen. Dass ich Frauen immer noch in manchen Momenten als minderwertig und dumm abstemple.

Während ich all diese Dinge offen ausspreche, schaue ich mir in die Augen. Nach kurzer Zeit entdecke ich Traurigkeit darin. Dieselbe Traurigkeit, derselbe Schmerz, den ich so oft unterdrücke. Das Gefühl, nicht zu genügen, egal, wieviel ich tue. Diesmal kämpfe ich nicht dagegen an. Ich bleibe im Kontakt mit diesem Anteil und spreche weiter alles aus, was mich an mir stört. Jetzt ist die Zeit der Klärung. Und die Traurigkeit blickt mich weiter an. Solange, bis alles ausgesprochen ist.

Dann sage ich zu mir: „Und trotzdem liebe ich dich.“ Ich spüre, wie überrascht der verletzte Anteil von mir ist. Ich zähle die Dinge auf, für die ich mich liebe: Dass ich auch in schwierigen Zeiten nicht verzweifle, sondern immer neue Wege finde. Dass ich immer weiter forsche, um das Leben in seiner Tiefe zu begreifen. Dass ich so viele tolle Projekte in die Welt gebracht habe. Als ich sage, dass ich mich für meinen Mut liebe, schießen mir die Tränen in die Augen. Ich ergänze noch: „Und selbst, wenn das alles nicht wäre, würde ich dich trotzdem lieben.“

Ich stehe da, lachend, weinend, umarme mich selbst, streichle mich. Und immer wieder der Satz: „Ich liebe dich, Florian.“ – zärtlich, fast geflüstert. Mit jedem Atemzug sauge ich die Liebe in mich auf, lasse sie in jede Zelle meines Körpers strömen. Beim Ausatmen stelle ich mir vor, diese Liebe auch anderen Menschen zu schenken. Es ist so viel davon da. In mir, um mich herum. Wundervoll.

Einige Minuten geht das so. Dann sinkt das Gefühl tiefer, sucht sich einen Platz in meinem Herzen. Ich weiß: Es wird immer da sein, wenn ich es brauche. Es war nie weg. Ich muss mich nur daran erinnern.

SelbstLiebe ist kein Ziel, sondern ein Weg

Es sind Rituale wie dieses, die mich immer wieder an meinen liebevollen Kern erinnern. Es sind die Momente in der Meditation, wenn ich voll aufmache, aber auch die Verbindung, die ich erfahre, wenn ich mich auf andere Menschen einlasse. Und nein, ich lebe nicht immer danach. Aber ich lerne, darauf zu vertrauen, dass die Liebe in mir und um mich herum ist. Auch wenn ich sie nicht spüren kann.

Wir schreiben SelbstLiebe mit großem ‚L‘, weil wir davon ausgehen, dass Liebe Verbindung schafft. Wenn ich mich selbst liebe, beginne ich auch, selbst zu lieben. Wenn ich im Kontakt mit meinem liebevollen Kern bin, dann kann ich anderen meine Liebe schenken, ohne mich zu verausgaben. Im Deep Talk erinnern wir uns immer wieder gegenseitig daran, dass eine Welt voller SelbstLiebe möglich ist. Und der Weg führt darüber, uns alle in Licht und Schatten zu lieben.

Florian Eichhorn
florian@movemeta.org

Ich möchte das Leben lieben und andere damit anstecken. Als Gründer der Essener Gruppe erlebe ich immer wieder, wie wertvoll die Auseinandersetzung mit unserem Inneren ist und wie heilsam es sein kann, offen und ehrlich damit umzugehen.

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