Die Stadt und das Land der Liebe

"Der erste Schritt" von Manfred Mai (*1949)

05. November 2014

Es wird einmal eine Großmutter sein, die ihren Enkelkindern eine wirklich schöne Geschichte erzählen kann:

„Vor vielen, vielen Jahren“, wird sie beginnen, „als ich ungefähr so alt war wie ihr jetzt, da kam eines Morgens ein Mädchen in unser Dorf. Niemand kannte es, niemand hatte es je zuvor gesehen. Es ging einfach auf die Menschen zu und erzählte ihnen von Liebe, Zärtlichkeit, Freude und Glück. Doch die Leute hörten nicht zu. Sie hatten dafür keine Zeit.
„Geh mir aus dem Weg, ich hab’s eilig!“
„Stör uns nicht bei der Arbeit!“
„Was weißt denn du schon, du bist ja noch ein Kind. Halt den Mund!“
Das Mädchen ließ sich durch solche Worte nicht entmutigen und erzählte trotzdem weiter. Es wurde und wurde nicht müde.
Als von der Sonne nur noch ein leuchtendes Abendrot zurückblieb, da kam das Mädchen an unserem Haus vorbei. Ich lief schnell hinaus und bat es herein. Den ganzen Tag hatte ich schon die Nähe des Mädchens gesucht, um seinen Worten zu lauschen – und war noch immer nicht satt davon.
„Du erzählst so wunderschöne Geschichten“, sagte ich. „Wie heißt du, und wo kommst du her?“
„Du bist der erste Mensch, der mir bisher zugehört hat und dem meine Geschichten gefallen“, antwortete das Mädchen, nahm mich in den Arm und strich mir sanft übers Gesicht.
Einen Moment wußte ich nicht, was ich tun sollte. Doch schon streichelten meine Hände wie von selbst den Nacken des Mädchens.
„Ich heißt Annerose und komme aus der großen Stadt. Und wie heißt du?“
„Melanie“, sagte ich, nahm Annerose an der Hand und ging mit ihr ins Haus.
„Wer ist denn das?“, fragte mein Vater.
„Das ist Annerose; sie kommt aus der großen Stadt.“
„So.“ Er musterte sie von oben bis unten und wieder bis oben. „Und was will sie hier? Warum ist sie nicht zu Hause bei ihren Eltern?“
„Ich will gar nichts“, antwortete Annerose mit ihrer weichen Stimme. „Ich bringe euch etwas: mich und meine Liebe.“
Mein Vater lachte. „Das ist nett von dir, aber jetzt ist es höchste Zeit, dass du nach Hause gehst.“
„Ich bin da zu Hause, wo man mir zuhört, wo ich Menschen finde, die meine Liebe annehmen und erwiedern.“
Annerose trat dicht vor meinen Vater hin und nahm seine Hände.
„Du mußt wohl schwer arbeiten, deine Hände sind sehr rauh.“ Mit ihren beiden Händen hob sie seine rechte hoch bis zu ihrer linken Wange. Als seine Fingerspitzen ihre Haut berührten, zog mein Vater die Hand plötzlich zurück.
„Was soll denn der Blödsinn?! Du willst mich wohl zum Narren halten!“
„Warum sollte ich das wollen? Kannst du mir das sagen?“ Annerose sprach so leise, dass mein Vater wieder ruhiger wurde.
„Was weiß denn ich.“, brummte er. „Heute muß man vor jedem auf der Hut sein. Es laufen genügend Gauner und Gaunerinnen durch die Gegend.“
„Sie ist keine Gaunerin“, verteidigte ich Annerose.
„Warum hast du denn so große Angst?“, fragte Annerose meinen Vater.
„Ich habe überhaupt keine Angst“, sagte er jetzt wieder lauter. „Was fällt dir eigentlich ein? Ich bin müde von der Arbeit und will endlich meine Ruhe. Wie komme ich dazu, mir von einem dahergelaufenen Mädchen sagen zu lassen, ich hätte Angst!“
„Weil die anderen auch Angst haben und deswegen deine Angst gar nicht mehr spüren.“
Mein Vater schnappte nach Luft. Doch bevor er losschimpfen konnte, sagte Annerose schnell: „Du hast bestimmt keine Angst vor Gewittern, vor der Dunkelheit, vor Spinnen und vor deinem Chef; vielleicht nicht einmal vor dem Tod. Das glaube ich dir. Aber du hast Angst davor, meine Haut zu berühren, mir zuzuhören und mich in den Arm zu nehmen. Du bist nicht mehr liebevoll und zärtlich, weil du Angst hast, die anderen würden dich auslachen. Und du hast Angst, dir selbst einzugestehen, dass du nicht glücklich bist, dich nach Liebe und Zärtlichkeit sehnst. Statt dessen arbeitest du den ganzen Tag, versorgst deine Familie mit allem, was sie braucht und nicht braucht, nur um dich und deine Angst damit zu bestechen. Manchmal gelingt es dir, aber nur manchmal.“
Sie hörte auf zu reden. Mein Vater saß im Sessel und sah Annerose lange an. Dann begann er langsam, den Kopf zu schütteln. Ohne ein Wort zu sagen, zog er sie auf seinen Schoß und drückte sie an sich. So, wie er es früher mit mir getan hatte.
Ein paar Augenblicke später streckte er mir eine Hand entgegen, und ich setzte mich auch auf seinen Schoß. Er hielt Annerose fest, Annerose hielt mich fest, ich hielt ihn fest.

An dieser Stelle wird die Großmutter ihre Augen schließen und schweigen. Ihre Enkelkinder werden verstehen warum.
Nach einer Weile wird sie fortfahren:

„Irgendwann machte sich Annerose sanft los und stand auf. „Wir müssen weiter und mehr Menschen finden, um zusammen mit ihnen eine Stadt der Liebe zu bauen.“
„Du hast recht“, sagte mein Vater, „das müssen wir.“
Da nahm sie uns beide an der Hand und führte uns aus dem Haus.
Auf dem Weg zum nächsten Dorf erzählten und lachten wir viel. Auf einmal sagte Annerose laut: „Jetzt sind wir schon zu dritt. Wenn jeder von uns wieder zwei Menschen findet, die mithelfen wollen, eine Stadt der Liebe zu bauen, dann sind wir schon neun.“
„Und wenn alle neun auch wieder zwei andere finden, sind wir schon siebenundzwanzig“, sagte mein Vater lachend.
„Dann 81“, rief ich dazwischen, „dann schon 243 und dann …“ Ich wußte nicht mehr weiter, so schnell steigerten sich die Zahlen.“

„Wisst ihr“, wird die Großmutter ihren Enkelkindern schmunzelnd gestehen, „im Rechnen war ich nie besonders gut. Ich habe auch nie ausrechnen können, wie lange es dauern würde, 100.000 oder gar eine Million Menschen zu finden. Ich war überhaupt nicht besonders klug. Aber was die kleine Annerose damals sagte, als sie in unser Dorf kam, das habe ich sofort verstanden. Und ich war ganz sicher, dass wir es schaffen würden. Doch wenn sie nicht den ersten Schritt getan hätte, dann gäbe es die Stadt und das Land der Liebe bis heute nicht.“

– Aus dem Buch „Das Land der Kinder mit der Seele suchen – Beziehung statt Erziehung“ von Manfred Kohlhammer und Michael Mai (Hrsg.). Vielen Dank an Manfred Mai für die freundliche Genehmigung sowie Martin Huth für Abschrift und Zusendung!

Manuel
m@movemeta.org

Ich bin Manuel, der Gründer von Move Meta. Seit 2014 verbindet unsere Bewegung Menschen, die SelbstLiebe lernen wollen – eine aufregende, alles erschütternde Reise zu uns selbst. Über meinen eigenen Weg dorthin schreibe ich hier im Blog.

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