Als Kind habe ich vertraut. Jetzt lerne ich es wieder.

Frau auf Hängebrücke

10. Juni 2017

Als Kind vertraute ich fremden Menschen und erzählte ihnen freimütig aus meinem Leben. Ich weiß noch, wie ich eines Nachmittags mit meiner Familie in der Straßenbahn unterwegs war. Ich erzählte einer älteren Frau, wer ich bin, wo ich wohne und zur Schule gehe, und dass wir bald in den Urlaub fahren werden. Als wir zu Hause waren, ermahnten mich meine Eltern, zurückhaltender zu sein und nicht so viele Informationen preiszugeben. Man wisse nie, wer das hören und versuchen könnte, daraus seinen Vorteil zu ziehen. Ich verstand das nicht. Wen sollte das interessieren?

Bloß keinem vertrauen

Wenn ich Briefe oder Zettel mit persönlichen Informationen in den Papierkorb warf, empfahl mir meine Mutter, sie in kleine Schnipsel zu zerreißen, damit niemand, der vielleicht den Müll durchsuchte, sensible Daten über uns finden könne. Ich fragte mich, ob es wirklich Menschen gab, die im Müll nach Informationen über jemanden suchten. Mir war diese Idee bis dahin nicht gekommen.

Ein anderes Mal fragte ich meinen Vater, warum er immer einen Umweg ging, wenn er den Müll wegbrachte. Er antwortete, dass er nicht wolle, dass alle Hausbewohner sehen konnten, dass er gerade den Müll wegbrachte. Wieder einmal war ich verwundert. Lebten wir tatsächlich in einer Welt, in der jeder uns belauschte, beobachtete und uns etwas antun wollte? Konnten tatsächlich selbst solche vermeintlichen Kleinigkeiten eine Bedrohung heraufbeschwören?

Mit der Zeit wurde ich vorsichtiger und misstrauischer. Wenn jemand freundlich zu mir war, argwöhnte ich: „Der ist doch nur so nett zu mir, weil er irgendwas von mir will.“ Und selbst unter Freunden erzählte ich wenig über mich. Alles, was ich sagte, konnte ja auch gegen mich verwendet werden. Mit diesem Gedanken im Kopf fiel es mir schwer, jemandem zu vertrauen.

Sind wirklich alle Menschen schlecht?

Vor ein paar Wochen habe ich das Buch von Charles Eisenstein „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“ gelesen. Darin beschreibt er, wie wir uns seit Jahrtausenden die Geschichte erzählen, dass wir einsame und voneinander abgetrennte Individuen seien, die stets um die knappen Ressourcen dieser Welt konkurrieren – und wie dieser Glaube zu Egoismus und Misstrauen führt. Ich dachte: „Ja, das kommt mir bekannt vor. So habe ich das auch gelernt.“

Ich frage mich: Sind wir nun eigennützig und immer auf Konkurrenz aus? Müssen wir daher die Welt auch so wahrnehmen, um zu überleben? Oder ist die Welt nur so erbarmungslos, *weil* wir sie so wahrnehmen und uns dann deshalb auch egoistisch und rücksichtslos verhalten? Ich habe diese alte „Geschichte von der Welt“, wie Eisenstein sie nennt, bis dahin nie hinterfragt. Sie kam mir so normal vor. Aber ist das wirklich die Wahrheit? Gibt es nicht vielleicht auch eine andere Sichtweise?

Charles Eisenstein entwirft in seinem Buch eine neue Geschichte: Alle Menschen sind miteinander verbunden – und daher auch immer am Wohlergehen ihrer Mitmenschen interessiert. Denn was ich jemand anderem antue, tue ich auch immer mir selbst an. Ich zum Beispiel weiß, dass ich gerne anderen Menschen helfe und ihnen eine Freude mache. Warum sollten andere nicht genauso sein? Und tatsächlich habe ich seit einiger Zeit Erfahrungen gemacht, die sich mit dieser Geschichte viel besser erklären lassen.

Vertrauen schenken: Free Hugs

Im Herbst 2014 habe ich Manuel kennengelernt. Er stellte mir sein Projekt vor, Move Meta. Im Sommer besuchte ich ihn in Bochum, um beim Move Meta-Gruppentreffen mitzumachen. Da habe ich zum ersten Mal Free Hugs gegeben. Zu Beginn fühlte ich mich unsicher, befürchtete starrende oder lachende Passanten. Doch schon kurz, nachdem ich mich aufgestellt hatte, lief eine Frau auf mich zu und umarmte mich herzlich. Ich war überrascht, wie schnell das ging. Vielleicht waren andere Menschen ja doch offener und freundlicher als ich gedacht hatte?

Seitdem habe ich schon mehr als 200 Leute so umarmt. Jedes Mal blicke ich in strahlende Gesichter. Weil ich dieses kleine Schild in den Händen halte und mich damit offenbare, zeigen sich andere Menschen auch mir. Ich mache den ersten Schritt und erfahre dann, wer mich ebenfalls umarmen will. Wenn mich jemand fragt, warum ich das mache, antworte ich: „Um zu zeigen, dass du gut bist, wie du bist.“ Die Reaktionen reichen von „Danke, du auch“ bis „Oh, das ist aber süß“.

Manche können es nicht glauben, dass ich nichts dafür haben möchte, wenn ich sie umarme. Dann fühle ich mich an mein altes Selbst erinnert und denke: „Ja, so habe ich auch einmal gedacht.“ Jetzt weiß ich, wie toll es sich anfühlt, anderen etwas zu geben – ohne etwas zu wollen, außer einer echten Begegnung. Ich finde es faszinierend, wie einfach diese kleine Geste mein Menschenbild ändern konnte. Denn seit ich selbst weiß, wie schön *geben* ist, traue ich es auch anderen Menschen zu. Und das hat sich bestätigt…

Vertrauen schenken: Trampen

Manuel erzählte mir, dass er seit einigen Jahren immer per Anhalter fährt, wenn er unterwegs ist. Zunächst kam mir das sehr abenteuerlich und unsicher vor. Tatsächlich sagte er auch, dass er manchmal schon mehrere Stunden gewartet habe. Als ich im November 2015 bei unserem Talentfindungsworkshop (Move Meta Unfold) war, hatte ich nur für die Hinfahrt ein Zugticket gebucht, weil noch unklar war, wie lange ich bleiben würde.

Als wir dann beschlossen, wieder nach Hause zu fahren, schlug Manuel vor, dass ich doch auch trampen könnte. Da wir ein Stück in die gleiche Richtung mussten und ich so also nicht alleine warten musste, willigte ich in das Abenteuer ein. Wir warteten ca. 30 Minuten, bis uns ein Autofahrer zum nächsten Rastplatz mitnahm. Dort fand ich schnell ein älteres Pärchen, das mich mitnahm. Ich war beeindruckt, wie gut das funktioniert hatte.

Nach dieser Erfahrung traute ich mich dann häufiger zu trampen. Beim zweiten Mal war Manuel anfangs auch noch dabei. Meine dritte Tour machte ich dann ganz alleine. Von Bochum nach München brauchte ich zwar 10 Stunden und musste zwischendurch einmal 2 Stunden warten – doch ich kam an. Inzwischen trampe ich häufiger, als dass ich Bahn fahre. Und meist warte ich nur ca. 20 Minuten. Sofern die Fahrer in meine Richtung wollen und das Auto noch nicht voll ist, werde ich immer mitgenommen.

Während der Fahrten habe ich mich schon oft gut unterhalten; tiefer und echter als mit manchen Freunden. Ein paar Leute haben sogar extra für mich einen Umweg auf sich genommen, um mich direkt bis an mein Ziel oder einen besser gelegenen Rasthof zu bringen. Selbst Tickets für die S-Bahn habe ich schon geschenkt bekommen.

„Hast du denn alleine als Frau gar keine Angst?“ werde ich oft gefragt. Diese Frage offenbart für mich ein großes Misstrauen. Menschen denken, ich verhielte mich riskant, weil „fremde Menschen doch gefährlich sind“. Wenn ich nachfrage, woher diese Überzeugung kommt, antworten sie meist vage mit „Man hört so viel…“, wissen aber keine konkrete Situation, von der sie gehört hätten. Ich jedenfalls habe noch keine einzige negative Erfahrung gemacht, aber viele positive. Dadurch hat sich meine Sicht inzwischen verändert. Ich sehe, wie hilfsbereit und herzlich die meisten Menschen sind. Warum sollte ich da Angst haben?

Vertrauen weckt Vertrauen

Eine Freundin, der ich erzählte, dass ich per Anhalter reise, meinte: „Du gibst also Menschen die Chance, dir zu helfen.“ So hatte ich es bis dahin noch nicht betrachtet. Denn schließlich wollte ich ja hauptsächlich etwas. Aber es stimmt, ich *gebe* auch etwas – die Chance, sich als hilfsbereiter Mensch zu erleben. Wenn ich mich zu jemandem ins Auto setze, heißt das: „Ich vertraue dir“. Dieses geschenkte Vertrauen hat bisher jeder achtsam behandelt. Sie schienen sich darüber zu freuen, mir etwas geben zu können. Und seit ich dank Free Hugs weiß, wie gut sich das Geben anfühlt, glaube ich das auch.

All das, was ich beim Umarmen und Trampen erlebe, zeigt mir, dass Menschen sich verbinden und helfen wollen. Es offenbart unseren tiefen Wunsch nach Eins-Sein, nach Liebe. Wir wollen einander vertrauen und helfen. Die Verbindung zwischen den Menschen ist bereits da; egal, ob wir sie sehen (wollen) oder nicht. Solange wir glauben, wir wären alle getrennt voneinander und alleine, werden wir die Welt auch so wahrnahmen und nur solche Erfahrungen machen. Erst, wenn ich bereit bin, etwas Neues auszuprobieren – was aus meiner bisherigen Logik vielleicht überhaupt keinen Sinn ergibt – kann ich andere, neue Eindrücke gewinnen.

Vertrauen befreit mich

Nur dank Manuels Inspiration habe ich mit Free Hugs und Trampen begonnen. Jetzt möchte ich andere Menschen inspirieren. Wenn ich beginne und als Erste eine Umarmung anbiete oder um Hilfe bitte, dann wird mein Wunsch, zu vertrauen, sichtbar. Andere können ihn sehen und sich anschließen. Eine Welt, in der wir geben und einander vertrauen, ist vielleicht näher als wir glauben.

Allein unser Glaube, wir wären getrennt voneinander und jeder sehe nur sich selbst, hindert uns daran, die neue Geschichte zu leben. Ich möchte lernen, immer mehr zu vertrauen. Mir selbst und anderen Menschen. Denn mit dieser Haltung habe ich bisher die schönsten Erfahrungen gemacht. Davon möchte ich erzählen, um die neue Geschichte immer sichtbarer zu machen.

Caro
caro@movemeta.org

Ich bin Caro und wünsche mir eine liebevollere Welt. Dafür schaue ich bei mir und anderen genau hin, was uns dabei hilft und was nicht. Hier erzähle ich von meiner Entwicklung.

5 Kommentare
  • Kevin
    Veröffentlicht am 09:19h, 11 Juni Antworten

    Sehr schön geschrieben, ich habe dieses Vertrauen auch erst kürzlich (wieder) erlangt, denn in der Kindheit waren wir anscheinend ähnlich gestrickt. Geben bzw. Anbieten ist so einfach & für alle Beteiligten bereichernd & kann so eine Kette des Austauschs der daraus entsteht bewirken :)
    Trampen fehlt noch auf meiner persönlichen Liste, aber wohl nicht mehr lange. Dafür gibt es von mir mitlerweile regelmäßig Free Hugs, weil es ALLEN gut tut :)

  • Michael
    Veröffentlicht am 23:18h, 11 Juni Antworten

    Hallo Caro,

    was du aus deinem Elternhaus schilderst, klingt teilweise geradezu paranoid – exemplarisch die Beschreibung des Müllrausbringens.

    Gerade beim Thema ‚Vertrauen‘ ist die goldene Mitte wichtig. Wenn wir verängstigt, vielleicht schon an der Grenze zur Paranoia sind, machen wir uns die Welt zur Hölle und uns entgehen viele positive Erfahrungen.
    Auf der anderen Seite gibt es nun mal Menschen, die Vertrauen gnadenlos ausnutzen. Sie tun das bewusst und kalkulierend, da Offenheit, Vertrauen und Arglosigkeit den Menschen zur leichten Beute für eigennützige Motive machen. Dies sollte nicht vergessen werden.

    Das Thema berührt auch andere Bereiche. Es leben gerade Erotik und Sexualität vom Hauch des Geheimnisvollen, vom Mysteriösen. Sich zu schnell zu offenbaren nimmt meistens die Spannung und den Reiz des Ungewissen.

    Für Vertrauen benötigt es Mut (den generell zu wenige Menschen haben), um uns auf Unbekanntes einzulassen. Auf der anderen Seite brauchen wir genauso auch eine gesunde Vorsicht und Skepsis, um uns vor den realen Gefahren des Lebens zu schützen.

    Michael

    • Caro
      Veröffentlicht am 20:11h, 04 Juli Antworten

      Lieber Michael,

      danke für deinen Kommentar. Es stimmt sicher, dass weder blindes Vertrauen, noch ständiges Misstrauen gut ist. Ich halte es für wichtig, immer wieder die Realität zu überprüfen. Und beim Trampen hat sich für mich zum Beispiel gezeigt, dass die Menschen viel freundlicher sind als ich vorher gedacht hätte. Wenn ich manchmal die Warnungen anderern Leute höre (die meistens noch nie getrampt sind), bekomme ich den Eindruck sie vermuten an jedem Rastplatz mindestens einen Axtmörder. ;) Ich habe meine Erfahrungen aufgeschrieben, um einen Ausgleich zu dem Misstrauen vieler Menschen zu schaffen und zu zeigen, wie die Realität wirklich aussieht. Ich will damit nicht sagen, dass wir allen Menschen blind vertrauen sollten.

      Im Puncto Beziehung und Sexualität ist Vertrauen ebenfalls ein wichtiges Thema. Was du beschreibst, schafft sicher eine gewisse Spannung. Dennoch halte ich es für das Spannendste einen Menschen wirklich ganz kennenzulernen – mit all seinen Seiten, hellen wie dunklen. Ich glaube, wenn wir da wirklich aufrichtig sind, geht und die Spannung nie vorüber. Aber für dieses Maß an Ehrlichkeit braucht es viel Mut, wie du ja auch schon geschrieben hast.

      Liebe Grüße
      Deine Caro

  • Anne
    Veröffentlicht am 23:48h, 27 Juni Antworten

    Einfach nur schön. <3
    Danke, dass du diese Erlebnisse und Gedanken mit uns teilst. Ich fühle mich dadurch sehr bestärkt. :-)
    Alles Liebe und du bist wunderbar so wie du bist.
    Anne

  • Connie
    Veröffentlicht am 19:08h, 11 Oktober Antworten

    Liebende Caro,

    ich stimme Deinem Text in allen Bereichen zu. So erlebe ich die Welt auch. Das alte Sprichwort „Wie Du in den Wald hineinrufst, so schallt es heraus“ ist quasi das gleiche in grün :-)

    Und wenn dann doch jemand mein Vertrauen mal mißbraucht hat, dann stelle ich mir vor, wie es ihm in ein paar Jahren bei der Erinnerung daran geht („Die Rache ist mein, sprach der Herr“)… Ich beneide ihn nicht.

    Das Leben ist wundervoll, seit ich die oben (in grün :-) beschriebene) „Bedienungsanleitung“ wirklich verinnerlicht habe :-)

    In Liebe und Dankbarkeit
    Connie

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