Warum ich vorher wissen will, wenn du mit einer anderen schläfst.

Frau auf Bett Move Meta SelbstLiebe

17. März 2017

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal bei Manuel zu Besuch war. Er schilderte mir seine Art, Beziehungen zu führen – in Liebe und Freiheit. Es darf sein, was sich gut anfühlt, egal wann und mit wem, und egal wie diese Beziehung dann heißt. So zu leben war für mich damals neu. Zugleich fand ich es faszinierend und liebevoll. Ich gönne dem Menschen, den ich liebe, alles Glück und alle Freude, egal mit wem er sie erlebt. So wollte ich auch denken und fühlen.

Doch oft, wenn Manuel mir von einer anderen Frau erzählte oder sogar, dass er mit ihr geschlafen hatte, spürte ich wenig Mitfreude. Eher war ich traurig und verletzt. Schnell kamen Gedanken wie „Diese Frau ist bestimmt viel interessanter/attraktiver/inspirierender/etc. als ich“ oder „Warum bin ich nicht so gut, dass er außer mir niemand anderen braucht? Warum kann ich ihm nicht alles geben, was er in seinem Leben braucht, um glücklich zu sein?“. Auch wenn mein Kopf mir sagte, dass niemand alles für einen anderen sein kann und ich gut bin, so wie ich bin, ließ sich mein Herz nur selten davon überzeugen.

Ich fürchtete, alles Glück und alle Liebe, die ich in ihm gefunden hatte, wieder zu verlieren. Eben noch verträumt auf Wolke sieben tanzend, kam ich dann dem Rand sehr nahe und erahnte, wie tief man von dort oben fallen kann. In diesen Situationen rief ich dann Manuel an und erzählte ihm, wie ich mich fühlte. Er hörte mir zu, gab mir den Raum, mich mit all meinen Gefühlen zu zeigen und fühlte mit. Häufig hatte ich in diesen Gesprächen neue Erkenntnisse, die mir halfen, mich wieder hoffnungsvoller und glücklicher zu fühlen. Allein, dass er mir zuhörte, schaffte neue Nähe zwischen uns und stärkte unsere Verbindung.

Vor ein paar Tagen erzählte Manuel mir dann wieder einmal von einer Frau, die ihn besucht hatte, der er näher gekommen war und mit der er schließlich auch geschlafen hatte. Als er mir davon erzählte, hatte ich den Eindruck, dass es ihm schwer fiel. Befürchtete er, mich zu verletzen? Dennoch teilte er das mit mir und beschrieb mir auch wie schön, verbunden und erotisch es war. Ein Teil von mir dachte zynisch: „War ja klar, dass Manuel an keiner Frau (=Chance) vorbeikommt, die sich ihm bietet.“ Ein kleiner Teil sah auch, dass es ein schönes Erlebnis war, was beide bereichert und erfreut haben mochte. Aber ein ziemlich großer Teil fühlte nur Schmerz und Trauer.

Mein erster Gedanke war, dass es wieder meine übliche Verlustangst war, mein altbekanntes „Ich bin nicht gut genug“. Doch das allein schien meinen Schmerz nicht zu erklären. Etwas fehlte. Mir kam der Gedanke, dass Manuel vielleicht gar nicht so frei war, wie er meinte oder gern sein wollte, sondern vielmehr seinen Impulsen ausgeliefert. War es wirklich seine Entscheidung? Plötzlich klang sein Wunsch „Ich möchte frei sein“ mehr nach „Ich kann mich nicht entscheiden und möchte mich daher auf nichts festlegen“. Meine Vermutung stimmte ihn nachdenklich. Er konnte mir nicht beantworten, ob das stimmte oder nicht. Vielleicht war ja auch alles zugleich wahr?

Manuel versicherte mir, dass es sich in der Situation richtig angefühlt habe, so zu handeln und dass es, soweit er einschätzen konnte, seine freie Entscheidung war. Irgendwie beruhigte mich das nicht. Noch immer spürte ich einen tiefen Schmerz. Ich fühlte mich so allein damit, so hilflos. Ich weinte und sagte ihm, dass ich den Eindruck habe, dass meine Existenz kaum Auswirkungen auf sein Leben habe. Obwohl er wusste, dass ich da bin, obwohl er wusste, dass es mich verletzte, verhielt er sich so. Ich fragte ihn, ob sein Wissen darum etwas ändere. Er meinte, ja, er fühle sich dadurch eingeschränkt. Beinahe hätte ich gesagt: „Na, wenn das dein einziges Gefühl dabei ist, geschieht es dir recht.“

Ich hatte es satt, immer vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden – nach dem Motto: So ist es, akzeptier es, freu dich für mich oder lass es sein. Ich fragte ihn, ob er mal nicht mit einer Frau schlafen könnte, auch wenn es gerade möglich wäre oder *vorher* mit mir darüber sprechen. Manuel empfand meine Bitte als einen Versuch, ihn in Richtung Monogamie zu drängen und wollte sich nicht darauf einlassen. Stattdessen erklärte mir zum wiederholten Male, dass er eine Beziehung nicht auf Abhängigkeit bauen wolle. Außerdem sei für ihn jede intime Begegnung wertvoll, da sie immer die Chance bietet, etwas Neues zu lernen und zu wachsen.

Er sagte, er würde mir gerne helfen, mich ebenfalls unabhängig von ihm glücklich und geliebt zu fühlen. Nicht nur er könne mir geben, was ich mir wünsche. Im Gegenteil, Liebe sei überall und ich könne sie immer erleben, wenn ich sie nur sehen will. Ich freute mich über sein Ansinnen, aber ein Teil des Schmerzes blieb. Ich sagte ihm, dass ich ihm gar nicht verbieten will, mit anderen Frauen zu schlafen. Es geht mir nicht darum, seine Freiheit einzuschränken oder ihm Erfahrungen zu verwehren. Ich will nur mehr eingebunden sein in den Prozess, mehr Anteil haben an wichtigen Erlebnissen in seinem Leben.

Schließlich meinte er: „Pass mal auf, ich merke, dass du eine ganz besondere Frau für mich bist. Du hast dich tiefer auf meine Idee eingelassen als alle anderen, und wenn ich sie an dich nicht weitergeben kann, dann kann ich es genauso gut sein lassen.“ Deshalb wolle er mir gern schenken, das nächste Mal tatsächlich meinem Wunsch zu entsprechen, mich vorher zu informieren und ggf. sogar ganz darauf zu verzichten, mit einer Frau intim zu werden. Dann könne ich besser einschätzen, was es tatsächlich mit mir macht und ob es mir hilft.

Ich war überrascht und freudig zugleich, dass er das tatsächlich von sich auf vorschlug. Wenige Minuten vorher hatte er sich noch so dagegen gewehrt. Manuel fragte nach, wie ich mir das praktisch vorstelle, besonders, wenn er die Frau nur einmal träfe und es sich spontan ergebe. Ich überlegte. Was wollte ich? Worum ging es mir? Dann sagte ich, dass ich gern sicher sein möchte, dass er diese (körperliche) Nähe gerade *wirklich* will. Dass er nicht leichtfertig diese Grenze überschreitet – nur weil es gerade möglich war, Sex zu haben.

Ich pausierte kurz. Ich wusste nicht, wie ich es anders erklären sollte. Da fragte Manuel mich plötzlich: „Sag mal, kann es sein, dass du eigentlich nur sicher gehen möchtest, dass ich mir selbst nichts antue?“ In diesem Moment reagierte etwas in mir. Tränen stiegen mir in die Augen und liefen über mein Gesicht. Ich konnte nicht antworten. Ich weinte nur. Nach einer Weile sagte ich: „Das habe ich gar nicht gewusst. Aber als du das eben gesagt hast, da hat es sich so wahr angehört.“ Danach weinten wir beide am Telefon. Ich hörte ihn schluchzten, ab und an unterbrochen von „Wow…“.

Er war sehr berührt davon, dass mein Wunsch in Wirklichkeit ein Wunsch für ihn war. „Du willst mich beschützen?“ „Ja.“ Eine Weile lauschten wir nur unserem erleichterten und erschöpften Atem. Bei dem Gedanken daran, dass er mit einer anderen Frau geschlafen hatte, spürte ich auf einmal kein negatives Gefühl mehr. Keine Spur mehr von ungewollten Vergleichen und Mangelgefühlen. Auch mein Schmerz war weg. Da meinte Manuel, dass ihn das nicht wundere. „Eine Frau, die so etwas Tolles geben kann, die so liebevoll ist, muss sich mit niemandem vergleichen.“

Das ganze Gespräch kam mir danach wie ein Wunder vor. Ich hatte eine neue Erkenntnis über mich gewonnen. Und sie war zur Abwechslung mal nicht schmerzhaft – wie das Selbsterkenntnisse oft an sich haben – sondern freudig berührend. Allein wäre ich vielleicht nie darauf gekommen. Umso mehr bin ich fasziniert, wie mächtig die Verbindung zu einem anderen Menschen sein kann. Sie kann Wahrheiten zum Vorschein bringen, die keiner von uns allein erkennen würde. Was für eine unglaubliche Dynamik. Ist es nicht allein deshalb schon wert, unsere Beziehung in Freiheit zu führen?

Caro
caro@movemeta.org

Ich bin Caro und möchte mich für eine liebevollere und schönere Welt einsetzen. Ich moderiere die Leipziger M² Gruppe und liebe echte Begegnungen, in denen ich mich verbunden fühle. Ich mag lebendige Beziehungen, in denen ich wachse - und schreibe gern darüber.

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