Verliebtheit ist keine Liebe. Dahinter steckt was Krasseres.

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23. Juli 2016

Image: „Gentle Words.“ by comeonandorra on flickr is licensed under CC BY-NC 2.0.

Verliebtheit gilt in unserer Kultur als Voraussetzung für eine intime Beziehung, und als erster Schritt dazu. Die Idee, sich aus freiem Willen für Liebe zu entscheiden, ohne sich verliebt zu haben, mutet uns absurd an. „Die Liebe“ hat aus heiterem Himmel über uns zu kommen, und wir haben ihr möglichst hilflos ausgeliefert zu sein. Das Bild eines Säuglings nötigt sich auf, erfüllt von blinder Hingabe an seine Mutter.

Verliebtsein – wenn ein anderer meine Liebe ist

So habe auch ich unser kulturelles Ideal der Verliebtheit kennengelernt. In meiner Jugend war ich nicht bereit, ein Jota davon abzurücken. Ich wollte die perfekte Teeniebeziehung, oder gar nichts. Und gar nichts wäre es auch geworden, wenn ich nicht mit 19 in ein Ferienlager gefahren wäre, wo meine spätere erste Freundin mich erspähte. Und sich in mich verliebte. Woraufhin es mir genauso erging, weil endlich mal ein Mädchen ordentliche E-Mails schrieb, nicht nur ein paar eilige Zeilen. Endlich mag mich jemand.

Ich sollte sie bekommen, meine Teenietraumbeziehung. Doch am Ende ging ich durch die Hölle. Dreimal in drei Monaten macht sie mit mir Schluss, und jedes Mal schwand alle Liebe aus meiner Welt. Was auch völlig logisch war. Denn Verliebtsein bedeutet: Mein Gegenüber ist meine Liebe. Nicht ich bin Quell meiner eigenen Liebe, sondern ein anderer (oder der Eiffelturm, vgl. Objektophilie). Weshalb ich dieses Liebesobjekt haben muss, oder aller Liebe verlustig gehe. Weil ich sie ja nicht selber geben kann.

Der hohe Preis der Verliebtheit

Das ist der wahre Preis der Verliebtheit: Unendlicher Schmerz. Single- und Partnerbörsen sind voll von Menschen, die ihrer „großen Liebe“ hinterhertrauern – völlig außerstande, die Absurdität dessen zu erkennen. Sie könnten sich jederzeit entscheiden, wieder zu lieben. Denn Liebe ist eine Tätigkeit. Aber ihr Glaube ist zu stark, dass Liebe ein Zufall sei, und ein Objekt (vorzugsweise ein einziges, unersetzliches). Und deshalb finden sie auch keine neue Liebe. Denn die ist ja weg, für immer. Keine(r) ist wie mein(e) Ex.

Hinter dem Irrglauben, Liebe müsse grundsätzlich von außen kommen, steckt jedoch mehr als nur Kultur. Unsere Kultur ist ja ihrerseits bloß ein Abbild dessen, was in uns selbst vorgeht; woran wir glauben und was wir brauchen. Alle Kultur, alle Politik, alle Systeme wurzeln im Einzelnen. Hier finden Wachstum und Reife statt – oder unterbleiben. Und das oben erwähnte Bild des Säuglings trifft den Nagel auf den Kopf.

Was Verliebtheit wirklich ist

Verliebtheit ist im Kern nichts anderes als die Sehnsucht, endlich so geliebt zu werden, wie wir es als Kinder gebraucht hätten. Es kam damals einfach nie genug Liebe von außen, damit unsere eigene, unsere SelbstLiebe sich hätte entwickeln können. Robert Betz schreibt sinngemäß, es sei darum auch kein Zufall, dass die meisten von uns sich an ihre frühe Kindheit nicht erinnern können – es sei schließlich die Hölle auf Erden gewesen. Welcher Geist würde sich daran erinnern wollen? Verdrängen lautet die Devise!

Auch bei mir war das nicht anders. Meine Mutter kann nichts dafür, sie war und ist Teil dieses Systems und dieser Kultur, wo es normal ist, Kinder ohne Liebe zu behandeln – weil die meisten von uns gar keine Vorstellung haben, was Liebe zu einem Kind *wirklich* hieße, was mehr als Brust und Fläschchen geben. Erich Fromm beschreibt das in der „Kunst des Liebens“ so: Die meisten Mütter können Milch geben. Aber Milch und Honig, also das Leben als eine Freude zu lehren – das kann fast keine. Denn ihr Leben *ist* keine Freude. Auch das Leben meiner Mutter war es nie. Mein Herz und Verstand begreifen das heute.

Verliebtsein ist zu gut, um etwas Gutes zu sein

Das ungeheuerliche Glück des Verliebtseins ist folglich also: allzu gut. Ein so irrsinniges Glück kann es nur geben vor dem Hintergrund eines tiefen, existenziellen Schmerzes, eines schwarzen Lochs in mir. Erst dieser Kontrast lässt mich ein solches Hochgefühl spüren. Verliebtsein ist zu gut, um etwas Gutes zu sein.

Und wenn ich selbst das nicht mitbekomme, dann gewiss mein Gegenüber. Zum Beispiel das Mädchen von nebenan. Sie ist ungefähr 20, sieht aus wie die Kindergärtnerin meiner Träume, und hat seit Jahren einen festen Freund. Was mich nicht davon abhielt, mehrmals meinen Arm und Geleit ihr anzutragen, obwohl sie mich von Beginn an abgewiesen hat. Bis heute erlebe ich an Tagen, wo meine SelbstLiebe besonders schwach ist und ich der Welt nichts zu geben habe, ein Aufflackern meiner Verliebtheit für sie.

Erst von einigen Monaten habe ich im Überschwang des Moments ein kleines Kärtchen mit einem winzigen Blümchen beklebt, und darunter geschrieben: „Immer noch, ja. :) M.“ Damit stand ich dann vor ihrer Haustür. Ich hatte es bereits drangeklebt, weil außen keine Briefkästen sind. Erst dann fiel mir ein, dass ich vielleicht einen Tag abwarten sollte. Um sicherzugehen, dass ich nicht aus reinem Wahn handle.

Bis heute klebt die Karte an meiner eigenen Tür, um mich daran zu erinnern: Verliebtsein ist keine Liebe, und ich will keine Frauen stalken, die mich abgewiesen haben. Auch wenn alles in mir „Mama!“ schreit.

Verliebtheiten gehen – wenn SelbstLiebe kommt

Als ich vor fünf Jahren begann, selbst zu lieben, wusste ich bereits: Für alles das, was ich mit reifer Liebe gewinne, würden Verliebtheiten das einzige sein, das ich verliere. (Auch diese Einsicht verdanke ich der „Kunst des Liebens“ von Erich Fromm.) Damals schien mir das ein großer Verlust. Ein solches Glück nicht mehr erleben zu können… Ob „reife Liebe“ diesen Preis wirklich wert wäre?

Doch ich war zu unglücklich, um an meinen Verliebtheiten festzuhalten. Zum Glück. Denn SelbstLiebe – selbst zu lieben, selbst liebevoll zu sein – gibt mir nun eine alles erleuchtende Lebensfreude. Verzichten muss ich dafür nur auf den gelegentlichen Blitz in tiefster Dunkelheit. Ich muss also nicht mehr abwarten, meine Liebe in anderen zu finden, nur um darin enttäuscht zu werden. Liebe ist immer da – ich gebe sie.

Verliebtsein ist Zufall, SelbstLiebe ist Sicherheit

Verliebtsein ist keine Liebe. Verliebtsein heißt, jemanden haben zu müssen, damit Liebe da ist. Doch Liebe ist immer da. In mir drin. Ich bin für meine Gefühle selbst verantwortlich! Und wenn ich Liebe spüren will, dann muss ich sie eben üben, anstatt sie bloß abzuwarten, wie ein Kind. Das ist spirituelle Entwicklung: Von kindlicher Abhängigkeit zu reifer, erwachsener Selbstverantwortung. Und das bringt mir heute zuverlässig die Menschen ein, die mir geben, wonach ich mich sehne.

Verliebtheit ist das Gegenteil von Liebe – denn Haben(wollen) ist das Gegenteil von Geben(wollen). Der Kopf kann das so kapieren, doch das Herz braucht dafür Training. Dafür sind unsere Gruppen da! Und wenn du erfahren willst, wie ich selber liebe (und welche Geheimnisse der Liebe dahinterstecken), melde dich an und du bekommst das M² Vorspiel per E-Mail. Anne schreibt dazu: „…ich finde es verdammt gut. Kompliment!“

Manuel
m@movemeta.org

Ich bin Manuel, der Gründer von Move Meta und M² Bochum. Seit 2013 schenke ich mir selbst: Ich bin gut, so wie ich bin. Heute liebe ich mein Leben. Bei M² erzähle ich davon.

27 Kommentare
  • Ganga
    Veröffentlicht am 29. Juli 2016 um 21:37 Uhr Antworten

    …wunderbar toller ehrlicher und vor allem wahrhafter Beitrag… Danke Manuel. Schätze Deine Vision und Arbeit… bei unseren Tantra Seminaren dreht es sich genau darum…
    Es ist ein Prozess… liebe mich und übe weiter…
    Werde mir mal Zeit nehmen und komme mal zu einem Treffen im Herbst oder Winter.

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 29. Juli 2016 um 21:43 Uhr Antworten

      Lieber Ganga,
      danke für das Kompliment! Dieser Artikel hat schon lange in mir reifen dürfen, und nun hat es in einem Rutsch geklappt, ihn rauszubringen.
      Ich würde mich freuen, wenn du zu uns nach Bochum kommst! Du kannst auch hier übernachten, wenn du von weiter weg anreist. Ansonsten haben wir ja bald in jedem Bundesland eine Gruppe, nur im Norden sind wir noch nicht. Auf Facebook haben wir zwar Likes aus Hamburg und Hannover, aber noch haben wir keinen Gründer nördlich von Berlin. (Falls das jemand von dort liest… wir warten auf dich!)
      Alles Liebe
      Manuel

  • Uwe
    Veröffentlicht am 30. Juli 2016 um 08:46 Uhr Antworten

    Hallo, ich bin Uwe. Was du schreibst sind auch meine Erfahrungen. Die Erfahrung in der Kindheit sowie im Leben. Ich lasse mich gerade scheiden, habe jetzt eine neue Liebe entdeckt. Nach außen ist das schön, da ich durch sie Sachen entdecke, die ich noch nicht gesehen habe. Selbst Liebe ist das Wichtigste überhaupt. Das Verlangen durch uns Menschen ist nur eins, aber Liebe hat noch viel mehr zu bieten. Unser neues Bestreben muss sein, Gott der in uns ist, näher zu kommen. Das Schöne ist, du bestimmst das, und wenn du wieder abfällst – er LIEBT DICH SO WIE DU BIST.

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 30. Juli 2016 um 12:51 Uhr Antworten

      Lieber Uwe,
      Gott ist für mich ein- und dasselbe wie Liebe. Zumindest, seit ich Fromm gelesen habe. Als ich noch ein Kind war, hat man versucht, mir den katholischen Glauben nahezubringen, aber das hat nie gefruchtet. Ich fand die Geschichten im Kindergottesdienst nie glaubhaft, und habe nicht einen Tag meines Lebens an einen Gott außerhalb von mir geglaubt. Doch wenn ich definiere: Gott = Liebe, so wie auch die katholische Kirche, dann verstehe und durchschaue ich alles, was man mir angedeihen lassen wollte. Dann kann ich meine Erkenntnisse so formulieren, dass auch Christen sie verstehen, und sich selbst und ihren Glauben darin erkennen – jedenfalls insoweit, als sie gelernt haben, dass Gott in allem und überall ist und eben *nicht* auf einer Wolke sitzt wie ein großer Papa.
      Gott ist das Sein, ist die Liebe, ist ewig und universell. Und ergo bereits in mir drin. Ich muss sie nur sehen, spüren, glauben und üben wollen, diese Liebe in mir drin, diese SelbstLiebe – oder es lernen wollen. Dafür bringen wir Menschen zusammen, denn alleine kann keiner lieben (lernen). Wir brauchen immer auch ein Gegenüber.
      Alles Liebe
      Manuel

  • Malikali
    Veröffentlicht am 30. Juli 2016 um 11:11 Uhr Antworten

    Schön geschrieben! Auch wenn es schon so viele Texte über dieses essentielles Thema gibt.
    Ich finde die Idee einer Gruppe toll :-)
    Habe so viele Freundinnen (und Freunde), die mir immer von ihrer nicht erwiderten Liebe vorheulen… und manchmal gelegentlich ich selbst ja auch noch. Also, Zeit zum Wandel!
    Lg

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 30. Juli 2016 um 13:00 Uhr Antworten

      Liebe Malikali,
      vielen Dank! Dann auf auf, wir haben ja schon acht Gruppen, und eine vielleicht ja auch in deiner Nähe? Oder du besuchst meine in Bochum… ich würde mich freuen!
      Alles Liebe
      Manuel

  • Lotus
    Veröffentlicht am 01. August 2016 um 13:15 Uhr Antworten

    Hallo Manuel,

    ein interessanter Artikel an dem viel Wahres dran ist. Schade finde ich nur, dass Verliebtsein hier nur eine negative Konnotation findet.

    Ich frage mich, ob der Irrglaube „Liebe käme aus heiterem Himmel“ und Verliebtheit bedeutet gleich Liebe, als Annahme eines unerfahrenen oder unreifen Geistes in Bezug auf diese Emotionalität resultiert. Mir hat das keiner vorgelebt oder erklärt, aber ich habe den Unterschied empfunden, als aus Verliebtheit die Liebe reifte. Als sie in mir reifte.
    Liebe kann auch einfach sein, aber ich glaube bei den wenigsten ist das so. Denn wo hat man dieses „Eins-Sein“? Diese Verbundenheit? Meist entsteht dies als Prozess.

    Vielleicht sind viele Menschen irgendwie verschlossen im Herzen und wünschen sich diese Verbundenheit. Erst müssen sich die Herzen öffnen, damit das Eins-Sein die Möglichkeit seiner Existenz bekommt. Und was passiert, wenn aus Eins-Sein nur noch „Ein“ wird? Ich glaube, wenn man mit dem Menschen innerlich verbunden bleiben kann, lässt sich dies leichter verkraften. Aber vielleicht ist das nicht immer möglich bzw. man will es nicht. Und doch sehnt man sich nach dem, was man nur mit dem einen Menschen teilte.

    Liebe Grüße
    Lotus

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 02. August 2016 um 12:50 Uhr Antworten

      Lieber Lotus,

      ich würde auch sagen, dass Verliebtheit etwas ist, das ein spirituell unerfahrener Geist empfindet. Es heißt ja nicht ohne Grund „Ver-„: Liebe ist nun einmal etwas anderes. Verliebtheit heißt quasi, entlang des Weges zur Liebe falsch abgebogen zu sein; oder vielleicht noch besser: Eine Abkürzung genommen zu haben. Mit Verliebtheit habe ich zwar sowas wie Liebe, aber erstmal nur zu einem Menschen, und damit tatsächlich noch keine reife Liebe. Hierin erschöpft sich bei vielen dann das Liebeserlebnis, weil sie diesen Prozess eben nicht beginnen; ihre Liebe niemals weiter wachsen lassen, sodass sie für mehr als einen reichen würde.

      Und damit haben sie tatsächlich dann gar nichts, weil Verliebtheit alsbald verfliegt. Sie sehnen sich weiterhin nach Eins-Sein, aber die meisten Menschen lernen nie, wie sie dahin kommen, wie sie Liebe selbst erzeugen könnten – wie sie selbst lieben könnten. Sie bleiben für immer die kleinen, ungeliebten Kinder. Ich brauche den Leuten in Bahnhöfen und Fußgängerzonen nur ins Gesicht zu sehen, dann sehe ich das sofort, wie unglücklich und ungeliebt sie sind, und wie hilflos demgegenüber.

      Liebe Grüße
      Manuel

  • Lotus
    Veröffentlicht am 02. August 2016 um 08:12 Uhr Antworten

    Hallo Manuel,

    interessanter Beitrag mit teils für mich stimmigen Aspekten. Jedoch finde ich deine Darstellung, dass Partnerbörsen voll von Menschen wären, die ihrem Ex hinterhertrauern, übertrieben. Diese Menschen suchen doch jemand andres zum Kennenlernen, in den sie sich verlieben könnten. Und bei aller Selbstliebe ist es doch etwas ganz anderes einem Menschen nah zu sein. Man selber kann sich innerlich wie äußerlich niemals so aufregend, in sich zerfließend und tief bewegt berühren, wie es ein anderer kann. Und ich denke nicht, wenn man diese Nähe sucht, dass in Wirklichkeit dahinter die Sehnsucht nach der „Mama“ steckt.

    Was hast du dir denn von deiner Nachbarin erhofft? Bist du dem Verliebtsein nachgegangen? Ist Verliebtsein nicht viel mehr der Wunsch oder die Stille Hoffnung, dass daraus mehr entsteht, nämlich Liebe?
    Man kann sich für die Liebe entscheiden, aber warum liebt man dann nicht jeden oder warum will man es nicht? Warum liebt man den einen und den anderen nicht? Doch nicht nur aus Eigennutz.
    Babys werden geboren und geliebt, so wie sie sind. Es geht ja gar nicht anders. Dieser Mensch der heranwächst, hat doch erstmal eine heranreifende Persönlichkeit. bzw. man muss diesen Menschen doch erstmal kennen lernen. Und ein gewisses Maß an Liebe und Geborgenheit brauchen Babys, sonst sterben sie.
    Dass sich viele Menschen an die frühe Kindheit nicht erinnern, hat nichts mit Verdrängung zu tun. Hirnphysiologisch werden Gedächtnisinhalte zu dieser Zeit anders abgespeichert. Wir brauchen Sprache, um Erinnerungen benennen zu können. Und die frühkindlichen Erinnerungen werden anders transkribiert und verschlüsselt.
    Und ist es wirklich normal in unserer Gesellschaft/ unserem System Kinder ohne Liebe zu behandeln? Wachsen Kinder ohne Lebensfreude auf, weil Eltern diese nicht vermitteln können, weil die Eltern diese nicht empfinden?
    In mancherlei Hinsicht finde ich deine Aussagen sehr logisch zwingend, aber bei weiterem Denken sehe ich sie als zu einseitig.

    Liebe Grüße
    Lotus

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 02. August 2016 um 13:12 Uhr Antworten

      Lieber Lotus,

      wenn du sehen möchtest, was ich sehen kann, empfehle ich dir, einmal selbst die „Kunst des Liebens“ von Erich Fromm zu lesen. Seitdem sehe ich erst, was wirklich abgeht. Wir sind eine liebestote Gesellschaft, die von Gefühlen keine Ahnung hat und glaubt, man sei ein umso besserer Mensch, je mehr man sich aufopfert und quält, während wir wie kleine Kinder hoffen, dass uns die Liebe geschenkt wird. Wie soll ein echtes Kind da lernen, Liebe zu empfinden?

      Gerade uns in Deutschland steht das Geld und der Besitz und die Leistung über allem. Gefühle, oder gar Liebe kommen ganz am Schluss. Und so sehen wir dann auch aus: Lieblos, grau und tot. Stell dich einmal in einen Bahnhof oder eine Fußgängerzone, und du wirst es sofort sehen. Strahlende Augen? Ein liebevolles Lächeln zu Fremden? Die absolute Ausnahme. 1-2%, wenns hoch kommt. Und wenn dann wirklich mal jemand liebevoll ist, insbesondere eine Frau, dann verlieben sich alle in sie und wollen sie haben. Weil sie so eine Ausnahme ist und gibt, was den Leuten fehlt, weil sie selbst es nicht geben können. Ich kenne mehrere Frauen, denen das so geht.

      Du magst nicht glauben, dass hinter Verliebtheit die unerfüllte Sehnsucht nach Mama steht – dann wünsche ich mir auch eine alternative, bessere Erklärung von dir. Sonst könnte ich vermuten, du möchtest einfach bloß ablehnen, wovon du im Innersten weißt, dass es stimmt… Das ist ein ganz alter Hut der Psychoanalyse: Was ich bekämpfe, ist, was ich selber im Inneren trage.

      Alles Liebe
      Manuel

      • Lotus
        Veröffentlicht am 03. August 2016 um 09:08 Uhr Antworten

        Lieber Manuel,

        ich selber bin nicht Anhänger einer Theorie. Der psychoanalytische Ansatz ist eine Theorie und Gefahr besteht immer, dass Komplexitäten vereinfacht werden, um erklären zu können. Wenn Das Buch von Erich Fromm dein Leitfaden ist, meiner ist es nicht. Ich übernehme meist nicht eins zu sein, sondern mache mir ein eigenes Bild. Und was ich sehe, ist, dass es der Forschung bislang nicht gelungen ist im Konsens zu ergründen, warum wir uns überhaupt zu einer Person hingezogen fühlen. Biologie, Psychologie, Kultur und Natur sind wahrscheinlich Dinge, die das zusammen beeinflussen. Wie will man mit einer Theorie alle Faktoren zusammen bekommen?

        Beim Humanisten Erich Fromm bin ich jedenfalls nicht von allem überzeugt. Homosexuelle sind z.B. nicht grundsätzlich unglücklich und lieben falsch, weil sie die Geschlechterpole nicht vereinigen. Einseitige Bindung an die Mutter ist der Grund für Depressionen? So einfach und ausnahmslos? Da werden dir viele Depressionserkrankte auf’s Dach steigen, wenn sie das lesen.. Zudem zeigt Fromm stets gestörte Mutter- oder Vaterbindungen am Beispiel eines Mannes. Und nur Mutterliebe sei bedingungslos und Vaterliebe stelle stets Bedingungen? Im Kontext der damaligen Zeit bezüglich der Geschlechterrollen sicherlich, aber heute?
        Wenn man bewusste oder unbewusste Sehnsucht nach der Mutter hätte, warum sucht man sich dann nicht eine Mutterfigur, wie man sich auch Vaterfiguren sucht? Das hat für mich nichts mit Verliebtheit zu tun.

        Kritik an der Konsumgesellschaft kann ich unterstreichen, aber es liest sich bei dir so absolut, als wäre jeder Mensch so und das stört mich. Du richtest über alle und das finde ich nicht fair.
        Es gibt liebevolle Menschen, aber wie erkennst du die an Bahnhöfen und Fußgängerzonen, wenn sie nicht mit dir interagieren? Und erst dadurch kann man das meiner Meinung nach erkennen. Wenn jemand strahlend an dir vorbei läuft, erkennst du doch nicht die Ursache. Und ist es nicht Utopie als liebender Mensch allem und jedem dies zu signalisieren? Kann man denn immer „strahlen“? Ich denke, man kann sich Ziele setzen oder danach streben, aber machbar erscheint mir da die Mitte.

        Es scheint einigen zu fehlen oder durch andere Ideale abhanden gekommen zu sein, dass Liebe geben sehr wertvoll ist. Und in Beziehungen, egal welcher Natur, gehört immer auch das Geben dazu, was zweifelsohne auch nicht immer Taten sein müssen. Ein einziges Lächeln kann viel bewirken.. Ich kenne diesen Seltenheitswert, aber wenn alle sich so verhielten, hätte es dann die gleiche Bedeutung für mich?
        Nach einem „Mehr“ davon zu streben, dagegen habe ich überhaupt nichts. Im Gegenteil. Ich bin dankbar für jeden liebevollen Moment. Das ist wie Nahrung, die ich brauche.und wohl viele andere auch.

        Alles Liebe
        Lotus

        • Manuel Fritsch
          Veröffentlicht am 03. August 2016 um 11:51 Uhr

          Lieber Lotus,

          ich finde nicht, dass ich „richte“. Ein Urteil ist für mich, wenn jemand sagt: „Der oder das da ist schlecht, böse, muss vertilgt und vernichtet werden.“ Was ich mache, ist zu beschreiben, wie ich die Welt sehe und erlebe. Dabei arbeite ich wann immer möglich mit eigenen Geschichten, anstatt aus einer unberührbaren Richterperspektive über andere Menschen zu schreiben. Ich war früher auch so lieblos, wie ich die Menschen heute wahrnehme, und ich stelle diesen Kontrast bewusst scharf zwischen lieblos und liebevoll, damit Menschen ihn überhaupt sehen können, durch den Schleier ihrer eigenen Verdrängung hindurch.

          Ich bin Idealist. Mein oberstes Ideal ist die Liebe, und seitdem ist meine Welt in der Tat sehr einfach. Aus dieser Perspektive schreibe ich darüber. Ich kann es nicht leiden, wenn der Konsens am Ende lautet: „die einen sind so, die anderen so, die Wahrheit liegt in der Mitte, und nun lasst uns wieder in unsere SUVs und Flugzeuge steigen, denn eigentlich ist ja alles scheißegal“. Das ist Opportunismus, und sein Preis ist lebenslanges Unglück. Wenn ich keine Werte und Ideale habe, habe ich gar nichts.

          Ich kenne Menschen, die immer strahlen, bloß sind diese Menschen so selten, dass die meisten sich das nicht vorstellen können. Was ich nach innen trage, signalisiere ich auch nach außen – was soll das für ein liebevoller Mensch sein, dem man seine Liebe nicht anmerken kann? Wenn ich so argumentiere, kann ich auch behaupten: „Terroristen sind liebevoll, man merkt es halt nur nicht so, wenn sie anderen den Kopf abhacken.“ Oder man kann gleich sagen, dass es keine Liebe gebe, a la Sarte. In so einer Welt will ich nicht leben, wo die Liebe derart verleumdet wird. Und weil sie aber genauso ist, schreibe ich für eine andere.

          Alles Liebe
          Manuel

          P.S.: Fromm betont in der Kunst des Liebens ausdrücklich, dass er mit „mütterlich“ und „väterlich“ die Prinzipien bedingungsloser und bedingter Liebe meint und das lediglich aus rhetorischen Gründen so nennt. Ein guter Autor muss Dinge vereinfachen, das hat er gemacht und ich mache es auch – damit die Botschaft am Ende ankommt, und nicht alles in einem „man muss alles so und so sehen“-Brei verschwimmt, den keiner lesen will und der niemanden weiterbringt.

          P.P.S.: Ich würde streng trennen zwischen Verliebtheit als Projektion, die mit dem Gegenüber im Grunde nichts zu tun hat und sich an den oberflächlichsten Dingen entzündet, nur weil der Geist sich eine Quelle (und Projektionsfläche) für gute Gefühle sucht, und körperlicher Anziehung im engeren Sinne. Davon handelt mein Artikel gar nicht.

        • Lotus
          Veröffentlicht am 03. August 2016 um 18:45 Uhr

          Lieber Manuel,

          wenn man sich verliebt, fühlt man sich zu dem anderen hingezogen. Also Anziehung. Damit meine ich nicht körperlich, sondern, dass einen das Wesen des anderen fasziniert oder meinetwegen, was man glaubt zu sehen. Beim Beispiel deiner Nachbarin, worauf du nicht auf meine Frage nach dem Grund, geantwortet hast, ergeben sich viele Möglichkeiten, was du gesucht oder gebraucht hast, Und darin kann z.B. die Projektion münden. Ich glaube wir reden, oder ich von Verliebtsein und Bedürfniserfüllung und damit meine ich nicht unbedingt sexueller Natur.. Bei der Bedürfniserfüllung sehe ich eher das Motiv bzw. die Sehnsucht nach mütterlicher Zuwendung.
          Verliebtsein entsteht aus vielerlei Gründen. Jeder wird sich von etwas anderem angezogen fühlen. Jeder hat seine eigenen Vorlieben. Dahinter muss eben nicht eine Projektion eines Elternteils, Kompensation oder das Problem mit sich selber nicht alleine sein zu können, stecken. Dann könnte ich ja davon ausgehen, dass jeder Mensch ein innerliches Problem löst, wenn er sich verliebt. Vielleicht habe ich zu romantische Vorstellungen, oder bezogen auf Wissenschaft zu unromantische, aber so erscheint mir der Sinn des Verliebtsein nicht. Von Liebe ganz zu schweigen.
          Klar gibt es Idealvorstellungen und man kann auch blind vor Verliebtheit sein, aber das soll es dazu gewesen sei.

          Zur Vereinfachung: An und für sich kein Problem, Problematisch finde ich nur dadurch entstandenes Schema- oder Schubladendenken. Ich vermeide übertriebene Verallgemeinerungen und diese lese ich bei dir.
          Da habe ich mich vorhin misslich ausgedrückt mit dem Richten. aber es stellt sich für mich so dar, als gäbe es bei dir nur „die einen“ und „die anderen“.

          An Idealen habe ich auch nichts auszusetzen. Deine Ziele und dein Streben in allen Ehren und da muss auch keine Mitte gefunden werden, wenn du da keine Probleme hast, diese Ziele und Werte zu erfüllen. Mir ging es darum, ob es erstrebenswert ist, sich an Utopien festzuhalten. Und für mich schien ein STETS Liebe ausstrahlender Mensch als solche. Ich habe bisher keinen kennengelernt und ich weiß, dass man als Mensch nicht immer gleich fühlt. Aber wenn es trotzdem Menschen gibt, die immer Liebe ausstrahlen, egal welche Probleme sie haben, oder in welcher Stimmung oder Situation sie sind, egal wie sie behandelt werden oder wo sie sich befinden, egal ob sie Schmerz fühlen oder durch Krisen gehen, dann kann ich nur staunen. Das klingt für mich nach Erleuchtung oder einer fremden Spezies. Und ich mache mich jetzt nicht darüber lustig.

          Ich will jedenfalls keine Welt ohne Liebe, auch wenn das vielleicht der einzige Punkt ist, bei dem wir übereinstimmende Ansichten haben.

          Alles Liebe
          Lotus

  • Julia, die Power-Free-Huggerin aus München
    Veröffentlicht am 02. August 2016 um 14:15 Uhr Antworten

    Lieber Manuel,
    Du sprichst mir aus der Seele und ich bin froh, dass ich nicht die einzige mit dieser Erkenntnis bin =)
    Auf bald,
    Julia

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 03. August 2016 um 00:08 Uhr Antworten

      Liebe Julia,
      ich freue mich sehr, dass ich deiner Seele Worte geben konnte! Es ist alles so einfach, wenn man es durchschaut hat, nicht wahr? Ich bin so dankbar, dass ich die richtigen Bücher und Inspirationen gefunden habe, dass ich all das lernen konnte.
      Ich freue mich, dich bald wiederzusehen!
      Manuel

  • Valentin
    Veröffentlicht am 09. August 2016 um 10:13 Uhr Antworten

    Sehr schöner Text Manuel, ich erkenne mich in vielen Stellen wieder. Mir fällt dazu auch viel ein, aber nur eine dringende Sache: Wo ist der ‚teilen‘ Button für WhatsApp? :)
    Alles Liebe, Valentin.

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 09. August 2016 um 12:32 Uhr Antworten

      Lieber Valentin,
      da es dringend war… eine Stunde EDIT: zwei Stunden Recherche und Basteln – fertig. Gefällt er dir? Funktioniert er?
      Und jetzt will ich alles wissen, was dir sonst noch zu meinem Artikel einfällt! :)

      • Valentin
        Veröffentlicht am 11. August 2016 um 11:07 Uhr Antworten

        Lieber Manuel,

        wenn nur die ganzen Ämter, Behörden und Bürokratie so fix arbeiten würden wie du, dann wäre Deutschland wieder ein großes Stückchen schöner. Der Button funktioniert und erleichtert für mich als interessierten Leser einiges. :-)

        Ich möchte gar nicht zu sehr auf dein Erlebnis eingehen, sondern von mir erzählen: Nach einer eher destruktiven, aber dafür sehr emotionalen Beziehung habe ich mich wieder aufgerappelt. Der Schmerz ist im Großen und Ganzen vorbei, nur ab und zu blitzt ein Gedanke, eine Erinnerung auf. Ich versuche diesen Gedanken nicht mir einer Wertung zu belasten, sondern akzeptiere ihn als Teil meiner Selbst. Es ist im Moment viel wichtiger, Dinge zu tun, die mir Spaß machen und mich in ihren Bann ziehen. Herausforderungen an denen ich wachsen kann, neue Menschen und Erlebnisse, die meinen Blick auf die Welt verändern und mich Stück für Stück erkennen lassen, wer ich denn wirklich bin.

        Mein größtes Problem derzeit ist, dass ich immer noch keinen Handstand kann. Aber irgendetwas fehlt… und an der Stelle knüpfe ich den Übergang zu deinen Gedanken. Es fehlt das Verliebtsein. Diese emotionale Achterbahn, das Auf und Ab der Gefühle. Das Leben ist zwar schön und Kunterbunt, aber die Farben leuchten nicht, sondern sind verwaschen, wie wenn ich in den Bergen bin und in die Ferne blicke.

        Soll so das Leben sein? Gehört das ab sofort dazu? Die Entscheidung zwischen einem real life „Sex-and-the-City“ Drama oder einem gefühllosen Utopia wie in „Equalizer“?

        Ich mag mein Leben. Es gibt tolle Menschen und spannende Erlebnisse darin, ich wachse jeden Tag ein kleines bisschen mehr in eine Persönlichkeit die ich mag. Und vielleicht ist das auch mein Weg, Liebe zu finden: die kleinen Höhen und Tiefen des Alltags zu erkennen, zu schätzen und genießen zu lernen. Einfach das „normal sein“ akzeptieren. Klar, jeder Mensch ist ein Individuum, aber das Leben als solches behandelt uns alle gleich. Egal wie toll oder super wir uns fühlen. Nur weil ich positiv denke und Liebe verbreiten möchte, wird mein Leben von einem rationalen Standpunkt aus nicht besser. Ich denke, es geht nicht unbedingt darum alles verändern zu müssen, sondern für sich selbst einen Weg zu finden, das Leben als solches zu akzeptieren.

        • Manuel Fritsch
          Veröffentlicht am 11. August 2016 um 12:34 Uhr

          Lieber Valentin,

          wenn jeder ein Grundeinkommen bekäme, so wie ich, und sich mit Liebe um die eigene Berufung kümmern würde, so wie ich, könnten wir im Handumdrehen das ganze Land so einrichten! Ich habe das gerne gemacht, und es bringt ja auch wiederum vielen anderen mehr Komfort.

          Verliebtheiten vs. Liebe, das bricht sich für mich auf die Frage herunter: Will ich den größten Teil meiner Zeit tief unglücklich sein, und ein kleinen Teil überirdisch glücklich, oder will ich kontinuierlich im Fluss guter Gefühle sein, und sie mir auf immer neue Weise beschaffen – mit immer neuen Menschen, Projekten, Schöpfungen?

          Ich persönlich muss da heute nicht mehr lange überlegen. Früher kannte ich allerdings diesen Zustand der SelbstLiebe nicht; so konnte ich keine reife Entscheidung treffen, weil ich ja gar nicht alle Optionen kannte. Ich kannte nur die Verliebtheiten. Ich wünsche auch dir, dass du (dir) selbst Liebe schenkst, dass du (dir) SelbstLiebe schenkst – und erfährst, wie viel reicher das Leben ist, wenn Liebe ist. Und nicht nur emotionale Verliebtheits-Achterbahn, also ein überteuertes Konsumspektakel.

          Reife Liebe ist viel mehr, als „normal“ zu sein! Mit einem Entweder-Oder zwischen Drama und Depression, wie du es beschreibst, hat das ebenfalls nichts zu tun. Beschränke deinen Horizont nicht auf diese zwei Dimensionen – die Grenzen meines Denkens sind die Grenzen meiner Welt!

          Reife Liebe, SelbstLiebe ist das Gegenteil der allgegenwärtigen Normierung. Sie heißt, vollkommen ich zu sein, und meine maximale Schaffenskraft zu entfalten. Wenn du das tust, sind die Zeiten der Langeweile aber endgültig vorbei, meine Hand drauf. Wenn du das willst, ist Move Meta da für dich – bei uns kannst du dich voll entfalten, so wie ich. Es gäbe viel zu tun!

          Alles Liebe
          Manuel

  • Valentin
    Veröffentlicht am 12. August 2016 um 09:49 Uhr Antworten

    Hallo Manuel,

    über das bedingunglose Grundeinkommen möchte ich an dieser Stelle lieber nicht diskutieren, das wäre nicht sehr zielführend. ;-)

    Verliebtheit vs. Liebe: mit der Aussage gehe ich einher, dass man Liebe ‚beschaffen‘ kann. Die Erfahrung durfte auch ich machen, sei es die Liebe zu einem Sport, einem Hobby, oder zum Studium. Aber wo finde ich den Übergang von der Liebe zu Dingen, die mich von außen definieren, und Dingen, die meinen Charakter definieren? Der erste Schritt dazu muss doch zwangsläufig die Erkenntnis über mein Selbst sein. Oder zumindest das Bewusstsein: ‚Ah ich bin. Ich weiß zwar nicht wer ich bin und kenne meinen Weg nicht, aber ich bin mir dessen bewusst und akzeptiere das als Teil meiner selbst‘. Dieses Gefühl hat etwas Aufregendes, etwas Verspieltes und verschwindet leider sehr schnell, wenn die Bewusstheit nachlässt.

    Es klingt immer sehr leicht wenn man hört, man muss sich einfach nur entscheiden. Gehört nicht auch Übung dazu? Ich las neulich einen schönen Spruch: ‚Auch das Herz ist ein Muskel den man trainieren kann‘. Und das halte ich für sehr wichtig. Trotz aller emotionalen Rückschläge weiter am Ball zu bleiben, Schwächen zwar zu erkennen, aber auch die Weitsicht, Fehler zu vermeiden oder mit Entscheidungen auf einen anderen Gefühlszustand warten. (Wie du in dem Beispiel mit deiner Nachbarin und dem Zettelchen.)

    Alles Liebe
    Valentin

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 12. August 2016 um 11:13 Uhr Antworten

      Lieber Valentin,

      Liebe ist Eins-Sein, alles mit allem. Einen scharfen Übergang oder eine Trennung zwischen Innen und Außen kann es mit Liebe darum nicht geben. Wenn ich z. B. einen Artikel schreibe, dann mache ich das zugleich für mich, und für andere. Es erfüllt mich, weil *ich* geben kann, dass *anderen* geholfen werde (oder es mir zumindest einbilden kann). Liebe ist alles zugleich, gut für mich und gut für andere. Ich bin nie nur „von außen“, und nie nur „von innen“ motiviert und definiert. Nichts ist fix, das Leben ist ein Fluss.

      Wenn ich mich allerdings zu sehr nach Zielen und anderen Menschen strecke, dann schwindet diese Bewusstheit, dieses Eins-Sein mit mir selbst – und damit auch dieses große Gefühl, von dem du schreibst, nämlich das Eins-Sein = die Liebe zu und mit mir selbst. Und genau daran erkenne ich persönlich den Übergang, von dem du schreibst: Am Gefühl. Der Übergang ist dort, wo meine SelbstLiebe schwindet.

      Ja, ich muss mich entscheiden – eben für die Übung! Letztes Jahr habe ich dazu mal einen Artikel geschrieben. Der Schlusssatz ist: Diese Entscheidung schließlich immer wieder von vorne, immer wieder neu zu treffen, ist das Einfache und das Schwere an dieser Kunst. Deshalb bin ich auch so dankbar, dass ich dafür meine Gruppe hier in Bochum habe.

      Alles Liebe
      Manuel

  • Simone
    Veröffentlicht am 13. August 2016 um 09:45 Uhr Antworten

    Zuerst einmal herzlichen Dank für diesen Artikel. Vieles wurde auch in den Kommentaren schon benannt. Tatsache ist, wenn man beginnt, sich selbst zu lieben, sich in seinem Sosein so anzunehmen wie man ist, hört man auch auf gegen sich selbst zu kämpfen. Nicht erwiderte Verliebtheit erzeugt Selbstzweifel und steht damit der Liebe im Weg. Wenn ich selbst zu lieben beginne, strahle ich das auch aus. Und genau das lässt mich attraktiver, eben liebenswerter erscheinen und zieht Menschen in mein Leben, die das selbst auch spiegeln. Es ist wie ein unsichtbarer Dialog, ein Austausch von Signalen, die wie Wegweiser wirken. Plötzlich steht hinter allem kein “Muss“ mehr. Ich muss keine Bedingungen mehr erfühlen, um die Gunst des begehrten Menschen zu erwerben..

    Alles Liebe
    Simone

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 13. August 2016 um 10:58 Uhr Antworten

      Liebe Simone,

      danke für deinen Kommentar! Das erlebe ich genauso… wie anziehend Menschen sind, die sich selbst lieben! Es ist so wunderschön, das zu sehen. Und sooo selten. Da will ich sofort mehr davon.

      Alles Liebe
      Manuel

  • Erik
    Veröffentlicht am 14. August 2016 um 14:30 Uhr Antworten

    Danke, sehr reflektierter Artikel!

  • Rüdiger
    Veröffentlicht am 25. September 2016 um 20:52 Uhr Antworten

    Die Menschheit hat Bestand, indem sie sich fortpflanzt. Ein Individuum, auch wenn es sich ganz doll lieb hat, kann sich alleine nicht fortpflanzen. Das Verliebtsein ist so etwas wie der Wegweiser zur Partnerwahl. Aus der Menge der Mitmenschen eignet sich nur eine kleine Anzahl, mit mir so eng zusammen zu leben, dass wir Kinder großziehen können. Woher sollte ich ohne Verliebtheit wissen, wer dazu geeignet ist? Wenn Verliebtheit erwidert wird, stehen die Chancen nicht ganz schlecht. Eine Garantie ist das auch nicht. So wie Menschen sich verändern, ändern sich ihre Gefühle mit ihnen – oder auch nicht. Wenn eine Liebe(sbeziehung) zerbricht, kann eine neue entstehen, muss aber nicht. Die Liebe wächst aus der Verliebtheit – oder auch nicht. Wer eine/n Partner/in liebt, kann selbstverständlich auch sich selbst lieben. Eine polyamore Lebensweise ist eine juvenile. Sie eignet sich für junge Menschen, ist aber um Kinder großzuziehen ungeeignet. Der Reifungsprozess der meisten Menschen führt über alle möglichen Arten und Formen von Beziehungen, die auch der Erkundung dienen, zur Paarbeziehung. Dies ist meine Sichtweise, eine ganz andere als deine, lieber Manuel.

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 25. September 2016 um 21:18 Uhr Antworten

      Lieber Rüdiger,

      wenn wir Verliebtheit lediglich als simple körperliche Anziehung verstehen, würde ich das auch als einen guten Wegweiser für die Fortpflanzung ansehen. Allerdings geht es in diesem Artikel, und meines Erachtens auch in aller Deutlichkeit, um etwas anderes: Mir die Erfüllung meiner eigenen Defizite von jemand anderem zu erhoffen. Das ist eine spirituell unreife Position, die nicht nur keine Voraussetzung für eine gelungene Partnerschaft ist, sondern ihr ganz im Gegenteil im Wege steht. Denn Verliebtheit heißt im Rahmen dieses Artikels nichts anderes als: Ein Mensch hat noch nicht gelernt, zu lieben = Liebe selbst zu geben. Und wird, wenn die Kinder erstmal da sind, dieses Defizit dann weitergeben an die nächste Generation. Gerne in der Form, dass dann vom Kind gefordert wird, was man selbst nicht geben kann.

      Ganz entschieden widerspreche ich dir auch darum in Hinblick darauf, welche elterlichen Partnerschaften ein Kind braucht und welche nicht. Es ist eine reaktionäre und längst überholte Meinung (und nicht etwa eine sachlich fundierte Position, denn Argumente wirst du dafür schwerlich finden können), ein Kind bräuchte exakt zwei Eltern. Ganz im Gegenteil – ein afrikanisches Sprichwort besagt, um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Es ist Irrsinn, die Arbeit der Kindererziehung in der sog. „modernen“ Kleinfamilie auf nur zwei paar Schultern abzulasten, von denen oft genug die Hälfte dann auch noch wegbricht, wenn die Verliebtheit, oh Wunder, verflogen ist – wie sie es nach wenigen Jahren immer ist, das hat man erforscht. Eine polyamore, das heißt: Eine Beziehung von mehr als zwei reifen, liebesfähigen Menschen ist im Hinblick auf das, was ein Kind tatsächlich braucht, ein also in mehrfacher Hinsicht reicherer Rahmen: Liebe.

  • Gisela
    Veröffentlicht am 09. März 2017 um 12:30 Uhr Antworten

    Interessante Dialoge über ein Thema, das für alle immens wichtig ist. Auch ich war zweimal heftigst verliebt und nachdem nichts draus wurde, warum auch immer, extrem unglücklich und in einem tiefen Loch. Besonders schwer fiel hinterher das Leben ohne diesen Rausch, diese Droge, und ich muss gestehen, die Sehnsucht nach so einer großen Verliebtheit blieb auch immer bestehen und der normale Alltag erschien mir einfach auch nicht leuchtend und warm genug. Alles erschien nicht wirklich richtig und gut. Übrigens spielt das Thema „Sehnsucht“ auch stark hinein und es gibt dazu ein älteres aber sehr gutes Buch vom Psychologen Dr. med. Victor Chu. Es heißt „Casablanca oder wohin dich die Sehnsucht trägt“. Er enttarnt auf liebevolle Art, was hinter so einer großen Sehnsucht steckt und warum manche auch lieber in Sehnsucht verharren, statt einfach im Hier und Jetzt zu leben. Es wäre schön, wenn man zur Selbstliebe käme und Freude aus der eigenen Mitte schöpfen könnte! Aber ich finde das nicht einfach.
    Also, ein Thema, das mich sehr betrifft.
    Grüße an alle, Gisela

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