M² Leipzig startet: Alleine – und glücklich?

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03. Januar 2017

Image: „Leipzig“ by !Koss on flickr is licensed under CC BY-ND 2.0.

Anfang Oktober bin ich nach Leipzig gezogen. Es ist das erste Mal, dass ich alleine in einer eigenen Wohnung lebe. Aus meinem Kinderzimmer war ich damals direkt mit meinem Freund zusammengezogen. Später wohnte ich zweimal für ein paar Monate im Studentenwohnheim. Eine eigene Wohnung hatte ich jedoch noch nie. Mein Leben lang hatte ich entweder mit meinen Eltern oder meinem Partner zusammengelebt. Nun baue ich mir ein eigenes Leben auf. Alleine.

Liebe Freunde unterstützen mich bei der Vorbereitung und Durchführung des Umzugs. Eine gute Freundin organisierte Kartons und einen Transporter, half mir beim Einladen und fuhr mit mir sogar nach Leipzig. Dort wartete schon Manuel auf uns. Wir packten aus, schleppten Kisten und Möbel, fuhren zu IKEA, bauten Schränke auf. Meine Wohnung nahm Gestalt an. Am nächsten Tag machte sich meine Freundin wieder auf den Heimweg.

Manuel blieb noch ein paar Tage und wir arbeiteten weiter: Aufbauen, Küche planen, noch mehr IKEA. Zwischendurch kuschelten wir die neue Wohnung ein. Das Sofa war bisher auch der einzige gemütliche Ort, überall sonst türmten sich noch Kisten und Kartons.

Dann wurde es Zeit für Manuel, nach Hause zu fahren. Wir lagen noch im Bett und umarmten uns, als mich plötzlich die Erkenntnis traf, dass ich sehr bald zum ersten Mal in meiner neuen Wohnung allein sein würde. Niemand, mit dem ich reden konnte. Niemand, der mir mit den restlichen Möbeln half. Niemand zum Umarmen. Niemand. Ich hatte Angst. Ich wollte nicht, dass er ging.

Ich weinte. Ich sah mich hier allein im Chaos sitzen. Allein in einer fremden Stadt. Einsam und verlassen. Er weit weg, glücklich wieder zu Hause zu sein. Seine Zeit mit anderen Freunden genießend, vielleicht mit anderen Frauen. Wir wollten einander freilassen, doch in dem Moment hätte ich ihn am liebsten festgehalten.

Manuel hielt mich in den Armen. „Man kann nur lernen, alleine glücklich zu sein, wenn man allein ist. Und wenn du dich traurig fühlst, dann nimm dir ruhig die Zeit, traurig zu sein. Das ist ok. Wenn du den ganzen Tag nur im Bett liegst und nichts machst, dann ist das auch gut.“ Er hielt mich fest, streichelte mich. „Danke. Danke, dass du da bist.“

Wir machten Frühstück. Mit flauem Magen löffelte ich mein Müsli. Manuel saß mir auf dem anderen Ende des Sofas gegenüber. Ich schaute ihn an. In Gedanken sah ich mich schon, wie ich später die leere Wand anstarren würde, „eben war er noch da…“. Danach packte er seine Sachen. Meine Traurigkeit wich einer Unruhe und Aufregung. Wir brachten das Mietauto weg, danach verabschiedeten wir uns an der Straßenbahnhaltestelle voneinander. Ich sah ihm nach, bis die Bahn abbog.

Auf dem Weg nach Hause fühlte ich mich leer und traurig. Ich wollte nicht in die nun menschenleere, chaotische Wohnung zurückkehren. Ich ging noch einkaufen. Der Laden wirkte trostlos. Als ich zu Hause ankam, legte ich mich ins Bett. Ich kuschelte mich unter die Decke, umarmte das Kopfkissen. Tränen. Ich war allein. Weit weg von allem und jedem, den ich kannte.

Wen interessierte es eigentlich, ob ich meine Möbel aufbaute oder nicht? Ich konnte genauso gut auch einfach im Bett liegen bleiben. Halb weinend, halb schlafend kam der Nachmittag. Ich versuchte, mich mit einer Freundin in Leipzig (die einzige, die ich kannte!) zu verabreden. Sie hatte etwas anderes vor.

Am nächsten Tag erwachte ich mit besserer Laune. Ich begann meine Sachen zu ordnen. Am Nachmittag ging ich zur Ummeldung meiner Wohnung. Auf dem Heimweg spielte ich mit dem Gedanken, mich am Abend zu einer meiner Nachbarinnen einzuladen. Ich wollte etwas Gesellschaft. Um auch etwas geben zu können, kaufte ich Rotwein und Schokolade. Ich glaubte nicht daran, dass ich auch so schon genug wäre.

Es war noch recht früh, als ich zu Hause ankam. Daher begann ich, erst einmal mein Regal zu streichen. Das funktionierte gut und machte auch irgendwie Spaß. Ich sah, dass ich voran kam, dass sich etwas änderte. Eben noch holzfarben, jetzt weiß. Strich für Strich kehrte etwas mehr Freude in mein Leben zurück. So änderte ich meine Abendpläne und beschloss, doch noch an meiner Wohnung zu arbeiten.

Als Manuel mich abends anrief, war ich gerade bei den letzten Pinselstrichen. Ich erzählte ihm von meinem Tag. Er freute sich, dass ich zuversichtlicher klang. Es war schön, ihn zu hören. Auch wenn ich mir beim Klang seiner Stimme wünschte, er wäre wieder bei mir.

Nun ist der Umzug schon drei Monate her und ich habe mich ganz gut eingelebt. Mit der Einrichtung meiner Wohnung bin ich zwar nur langsam vorangekommen, dafür habe ich auch viele neue Dinge gelernt: Wie man Löcher bohrt (und wieder zuschmiert). Wie ich IKEA-Möbel mit nur zwei Händen aufbaue. Und den Weg zum Baumarkt kenne ich schon im Schlaf.

Mit zunehmender äußerer Sicherheit nimmt auch die innere zu. Es gibt immer mehr Sachen, die ich alleine kann, sodass ich mir keine Sorgen mehr machen muss, dass ich es nicht schaffe. Ich weiß, dass ich es auch allein kann. Aber das heißt noch nicht, dass ich mich alleine wohl fühle. Ich brauche einfach Kontakt zu anderen Menschen – Austausch, Verbindung. Im Moment kenne ich kaum jemanden in Leipzig, weshalb sich mein Sozialleben vor allem am Telefon abspielt.

Ich lerne mehr und mehr, alleine glücklich zu sein. Ich genieße die Ruhe und Freiheit, meine Ideen umzusetzen. Genauso möchte ich aber auch liebevolle, spannende Menschen in mein Leben holen. Gerade, weil ich in meiner neuen Stadt fast noch niemanden kenne. Ich möchte anderen einen Raum geben, sich zu zeigen und zu entfalten und auch selbst mit ihnen wachsen. Ich spüre immer häufiger und intensiver „ich bin gut, so wie ich bin“, und möchte dieses Gefühl weitergeben. Deshalb gründe ich nach unserer Gruppe in München nun zum zweiten Mal mit Move Meta, diesmal in meiner neuen Heimat Leipzig.

Besuche unsere Mitmachen-Seite, um Ort und Zeit unserer Treffen in Leipzig zu erfahren.
Caro
caro@movemeta.org

Ich bin Caro und möchte mich für eine liebevollere und schönere Welt einsetzen. Ich moderiere die Leipziger M² Gruppe und liebe echte Begegnungen, in denen ich mich verbunden fühle. Ich mag lebendige Beziehungen, in denen ich wachse - und schreibe gern darüber.

4 Kommentare
  • Johannes
    Veröffentlicht am 07. Januar 2017 um 20:06 Uhr Antworten

    Danke Dir Caro für das teilen Deiner Gefühle. Ich kenne diese Art von Gefühlen auch und Denke, dass man auch mit Menschen alleine seinen Weg gehen kann und das machen muss, egal ob mit Leuten, ohne Leuten, alleine, oder zusammen. Als ich damals alleine in Essen in einer Wohnung (halb betreutem wohnen) war, war das nicht meine Entscheidung für etwas, sondern gegen etwas, ich war nicht bereit alleine zu wohnen – dem entsprechend schlecht ging es mir. Ich denke bei jedem kommt der Zeitpunkt wann es stimmt (oder auch nicht, dann ist das auch in Ordnung). Aber klar ich würde mich auch freuen, wenn ich es schaffe glücklich alleine zu sein – aber derzeit bin ich lieber glücklich mit vielen… :-)

    Ich wünsche Dir alles Gute in Leipzig!

  • Caro
    Veröffentlicht am 07. Januar 2017 um 22:06 Uhr Antworten

    Lieber Johannes,

    danke für deinen Kommentar. Ich kann verstehen, wenn du (noch) nicht alleine wohnen möchtest. Manchmal denke ich mir auch, dass eine WG vielleicht unterhaltsamer wäre. Aber ich mag meine neue Wohnung sehr gern und genieße auch meine Ruhe. Mit „alleine glücklich sein“ meine ich auch nicht, dass ich immer alleine bin, sondern vielmehr, dass ich alleine in der Lage bin, den Kontakt zu Menschen herzustellen, den ich mir wünsche und brauche. Und dass ich nicht von einer bestimmen Person abhängig bin ohne die ich nicht leben kann.
    Es freut mich, dass du mit vielen Menschen zusammen bist, mit denen du glücklich sein kannst. :)

    Liebe Grüße
    Deine Caro

  • Florian Eichhorn
    Veröffentlicht am 08. Januar 2017 um 23:29 Uhr Antworten

    Liebe Caro,

    das Alleinsein kann ich dir gut nachfühlen. Deshalb wünsche ich dir einen guten Start in deiner neuen Stadt (Leipzig, ich werds mir merken ;)) und viele liebevolle Begegnungen. Ich finde es toll, wie du zu deinen Gefühlen stehst und bin deshalb zuversichtlich, dass du auch die weiteren Herausforderungen meistern wirst.

    Alles Liebe
    Flo

  • Caro
    Veröffentlicht am 09. Januar 2017 um 12:13 Uhr Antworten

    Lieber Flo,

    vielen Dank für deine lieben Wünsche. Es ist schön zu wissen, dass liebe Menschen da sind, an mich denken und mich unterstützen.

    Alles Liebe
    Caro

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