Job, Beruf, Berufung

09. Oktober 2014

„Du solltest dir ernsthaft Gedanken machen, ob das das Richtige für dich ist.“ Eine eiskalte Dusche. Ich hatte gerade etwas mehr als die Hälfte meiner Ausbildung hinter mir, und keine Alternativen. Bisher war alles so gut gelaufen, glaubte ich – ja, bis zu diesem Weckruf.

Früher hatte ich verschiedene Vorstellungen, was ich mal werden wollte. Das Spektrum reichte von Astronaut (3. Klasse) über Comiczeichner (7. Klasse) bis hin zum Logopäden (11. Klasse). Nach dem Abitur hatte ich immer noch nichts näher ins Auge gefasst. Aus der Not heraus begann ich meinen Zivildienst im OP eines Krankenhauses – und war begeistert. Die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger bot sich an, und ich ergriff die Gelegenheit.

Die Arbeit mit den Patienten erfüllte mich vom ersten Tag, und es gab viel Neues zu entdecken. Dann rissen mir private Probleme den Boden unter den Füßen weg. Meine Leistung wurde so schlecht, dass ich teilweise meine Patienten gefährdete. Was sollte ich tun? Alles hinschmeißen und irgendwo anders neu anfangen? Vielleicht gab es ja einen anderen Job, den ich machen konnte? Zum Glück sollte das nicht nötig werden.

Über den Unterschied zwischen Job und Beruf hatte ich mir nie Gedanken gemacht. Den Denkanstoß dazu gab mir eine Patientin, und zwar mit ihren Worten: „Man merkt, dass Ihnen dieser Beruf Freude bereitet.“ Noch heute steigen mir Tränen in die Augen, wenn ich an diesen Moment zurückdenke. Während ich im Selbstmitleid versank, spendete diese Frau mir Hoffnung und brachte zugleich die Erkenntnis: Krankenpflege ist für mich kein Job; Krankenpflege ist mein Beruf.

Wenige Worte einer einzigen Patientin halfen mir, meine persönliche Krise zu meistern. Plötzlich fand ich einen Sinn in meinem Leben: Menschen zu helfen. Mittlerweile arbeite ich zwei Jahre in meinem Beruf, und erlebe immer wieder ein hohes Maß an Wertschätzung. Ich helfe den Patienten, und unterstütze zugleich die Kollegen in den Einrichtungen, die ich besuche.

Beruf kommt von Berufung. Gerade wer in der Pflege arbeitet, tut gut daran, mehr als einen Job darin zu sehen. Ein Job ist vorübergehend, ohne großen Wert für mich, mein Leben und andere. Ein Job ist notwendig, um Geld zu verdienen. Ein Beruf hingegen ist unabhängig von Geld und bringt vor allem eines: Freude. Für mich ist sie am größten, wenn ich Menschen helfen kann. Und doch habe ich durch meine Krise eines gelernt: Die Person, die zuerst meiner Aufmerksamkeit und Hilfe bedarf, bin ich selbst.

Florian Eichhorn
florian@movemeta.org

Ich liebe es, unseren Leitsatz "Du bist gut, so wie du bist" in die Welt zu tragen und Menschen zu inspirieren, das Beste aus ihrem Leben zu schöpfen. Als Gründer der Essener Gruppe erlebe ich immer wieder, wie wertvoll die Auseinandersetzung mit Gefühlen ist und wie heilsam es sein kann, offen und ehrlich damit umzugehen.

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