Ich wollte die perfekte Mutter sein, und war noch nicht mal gut genug

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05. November 2016

Von unserer Autorin Louise. Image: „Baby Boy Miller“ by Ryan & Sarah Miller on flickr is licensed under CC BY-NC 2.0.

Ich liebe die Menschen. Im Einzelnen und im Allgemeinen. Für manche Menschen spüre ich ein ganz besonderes Gefühl der Liebe: für mich selbst, meine Kinder, meine besten Freunde. Ich bin umgeben von Liebe. Ich liebe und ich werde geliebt.

Um diese Liebe spüren zu können, musste ich einen weiten Weg gehen. Einen harten, steinigen Weg. Er hat mich immer wieder an den Rand meiner Kraft gebracht, ans Ende meiner Hoffnung und in die Tiefen der Verzweiflung. Anselm Grün hat das in einem seiner Bücher beschrieben mit den Worten: Auf den Grund seiner eigenen Seele gehen. Ganz tief. Hinabsteigen in die eigenen Tiefen, da wo eigentlich keiner hin will. Alles in meinem Körper wehrte sich dagegen, diesen Schmerz zu spüren. Teilweise konnte ich nur regungslos im Bett liegen vor lauter Angst und Schmerz. Ich bin diesen Weg nicht freiwillig gegangen. Wenn ich eine Wahl gehabt hätte, dann wäre ich weiterhin oberflächlich, leistungsorientiert und äußerlich stark geblieben. Aber ich hatte keine Wahl. Das ungelebte Leben in meinem Inneren hat mich dazu gezwungen, mein Leben zu ändern.

Ich war eine Frau, die „alles konnte“. Leistungsorientiert, stark, dominant, erfolgreich in allen Lebenslagen. Ich war genau das, wovon meine Mutter wollte, dass ich es werde. Sie hatte mir in der Grundschule geraten, selbstbewusster zu wirken, damit die anderen Kinder mich nicht mehr ärgern. Sie hat es bestimmt gut gemeint. Und es hat auch funktioniert. Ihr Rat hat mich durch die Schule gebracht, durchs Studium und darüber hinaus. Aber all diese Erfolge hatten einen hohen Preis. Ich war nicht ich selbst. Ich habe eine Rolle gespielt. Ich war so, wie ich dachte, dass ich sein müsste. Die meisten Menschen in meiner Umgebung waren tatsächlich ganz zufrieden mit dem, wie ich war.

Dann wurde meine erste Tochter geboren. Und die wollte keine Maske, die eine gute Mutter spielt. Sie forderte die echte Mutter, die authentisch und feinfühlig ist. Die fühlen kann, was sie fühlt. Aber das konnte ich nicht. Zu der Zeit fühlte ich noch gar nichts. Ich wusste gar nicht wie das geht. Ich wusste nur, wie man Gefühle nach außen ausdrückt, um damit eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Wie sich das im Inneren anfühlt, war mir fremd. Das war eine sehr gefährliche Situation, für uns beide. Meine Tochter wäre daran fast verhungert, und ich fast zerbrochen. Keiner in meiner Umgebung erkannte was passierte. Ich mache daraus keinen Vorwurf, sie konnten es nicht erkennen, weil sie es selbst nicht besser konnten. Warum das so ist, würde tief in die deutsche Geschichte führen. Hier zählt erstmal nur, dass es so war.

Wir, also meine Tochter und ich, kamen nach der Geburt aus dem Krankenhaus, waren offen und erwartungsvoll auf das gestimmt, was kommen sollte. Wir wurden von einer Hebamme empfangen mit den Worten: „Sie haben ja schon alles falsch gemacht.“ In wenigen weiteren Sätzen zerstörte sie mein Grundvertrauen und meine ohnehin nur spärlich ausgeprägte Intuition. Ich sollte auf einmal alles so machen, wie sie es wollte. Meine Gefühle zählten nicht. Inzwischen weiß ich, dass ihre Methode der übelsten Nazi-Pädagogik entspricht. Stillen alle 4 Stunden, das Kind mindestens 2 Minuten schreien lassen bevor man es auf den Arm nimmt und weitere Grausamkeiten.

Das Stillen klappte in der Folge nicht mehr. Es tat weh. Jedes Mal liefen mir die Tränen über das Gesicht. Es brannte wie die Hölle, wenn die Hebamme meine Brust packte und mit Gewalt versuchte, sie mit dem Kopf des Kindes zusammen zu bringen. Nie wieder habe ich mich so erniedrigt und gleichzeitig so hilflos gefühlt.

Meine Tochter tat das Einzige, was ein Neugeborenes tun kann, wenn es merkt, dass die Mutter leidet: Sie hört auf etwas zu fordern. Sie versank in einem endlosen Schlaf, weinte kaum und trank fast nichts mehr. Jeden Tag wurde sie dünner und schwächer. Jeden Tag wurden die Vorwürfe an mich größer.

Währenddessen versuchte ich immer verzweifelter, alles richtig zu machen. Niemand sah, was passierte. Wenn ich mein Leid äußerte, bekam ich Durchhalteparolen zu hören. Von einer Frau, die ich damals für meine beste Freundin hielt. Meine Eltern, meine Oma, meine Schwiegereltern, alle haben es eigentlich nur noch schlimmer gemacht. Keiner schrie STOP, keiner sah, dass etwas grundfalsch läuft.

Meine Tochter hat überlebt, und ich auch. Zum Glück begegnen einem manchmal im Leben Menschen, die sind wie Engel. Nicht wirklich natürlich, jeder hat auch seine anderen Seiten. Aber für mich hatten sie, in diesen Momenten, die Rolle eines rettenden Engels. Diese Frauen, ja, es waren nur Frauen, haben mir geholfen, mich selbst zu finden.

In einem Stilltreff traf ich eine andere Hebamme. Eine Frau mit viel Empathie und sehr guter Intuition. Mit nur einem Blick erkannte sie, was vor sich ging, und zog die Notbremse. Ohne mit der Wimper zu zucken brachte sie mich, mein Kind und meinen Mann in einen Nebenraum und vermittelte uns in kürzester Zeit Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten. Genug, um aus dem Strudel zu kommen. Drei Wochen später hatte meine Tochter Pausbäckchen und Babyspeck.

Zeitweise ging es mir danach wieder besser. Irgendwie konnte ich mich mit den bewährten Methoden stabilisieren. Wieder zusammenreißen. Doch in der zweiten Schwangerschaft kam alles zusammen: ein schlechter Job für mich, eine Ehekrise, beruflich eine schwierige Zeit bei meinem Mann und vor allem die Angst vor der ersten Zeit mit dem Kind.

Anfangs spürte ich es selbst kaum. Dann traf es mich mit Wucht. Zum Glück hatte ich diesmal die richtige Hebamme. Sie empfahl mir eine sehr gute Psychotherapeutin, denn es musste schnell gehen. Ich hatte die schwerste Krise meines Lebens und nur meine ungeborene Tochter hielt mich davon ab, mir das Leben zu nehmen. Ich wusste, dass ich durchhalten muss, mindestens bis zur Geburt, um nicht zur Mörderin zu werden.

Meine Therapeutin war der zweite Engel. Sie hat ein kleines menschliches Wunder vollbracht: Sie hat mich bedingungslos angenommen. So viel Geborgenheit, Liebe und Würdigung meiner Person hatte ich noch nie erlebt. Damit hat sie alles auf den Kopf gestellt, was ich bis dahin kannte. Auf einmal brauchte ich gar nichts mehr leisten. Sie hat mir den Satz: „Erst die Arbeit und dann das Vergnügen!“, nach dem ich bis dahin gelebt hatte, einfach vor die Füße geworfen. „Das stimmt doch gar nicht!“ Meine ungläubigen Blicke hat sie dann noch kommentiert mit: „Nur weil Ihre Eltern das immer gesagt haben, ist es davon noch lange nicht wahr.“

Meine Therapeutin beließ es nicht bei ein paar schönen Worten. Ich wurde von sämtlicher(!) Arbeit und Pflicht befreit. Sie hat mich aus der schrecklichen Arbeitsstelle geholt und mir eine Haushaltshilfe und Kinderbetreuung verschafft. Ich hatte nur eine Aufgabe: herausfinden, was mir gut tut. Wow, das war echt schwer. Anfangs hat sie mir sogar empfohlen, lieber etwas zu tun, was mir nicht gut tut, als eine Pflicht zu erfüllen. Das war die komplette Umkehr meines bisherigen Lebens.

Diesmal war ich besser vorbereitet auf das Wochenbett. Da waren Menschen die mich beschützt haben. Ich hatte inzwischen andere Freunde. Ich hatte eine tolle Hebamme und meine wunderbaren Psychotherapeutin. All diese Menschen haben mir dabei geholfen, zu mir selbst zu finden. Meinen Körper anzunehmen, meine Gefühle zu spüren, meine Gedanken zuzulassen. Mich gegen Menschen zu wehren, die mir nicht gut tun, auch wenn sie die nächsten Verwandten sind.

Ich habe gelernt, zu fühlen. Zuerst waren da unendlich viel Trauer und Schmerz, die ich erstmal spüren musste. Dann kam die Wut. Und Hass, auf all das was mir meine Mitmenschen angetan hatten, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte. Aber es hat nicht lange angehalten, denn dann kam meine zweite Tochter auf die Welt und ich habe gelernt, zu lieben. Ich liebe dieses Kind mehr als alles andere auf der Welt. Wer jetzt an die ältere Schwester denkt und mich anschreien möchte deswegen, dem kann ich nur sagen: Ich kann nichts dafür. Es tut mir unendlich leid für meine Erstgeborene, dass ich erst so spät angefangen habe sie zu lieben. Und gleich wird es vielleicht nie sein. Aber das kann ich nicht ändern. Sie wird ihren Weg gehen müssen, mit einem schweren Start ins Leben.

Mit meiner kleinen Tochter wurde ich eine Einheit. Sie hat mir das Leben gerettet und ich habe ihr das Leben geschenkt. Schon die Geburt war eine Sache zwischen uns beiden. Ich habe auf niemanden mehr Rücksicht genommen. Nur noch gefühlt, mich und sie, uns. Wir haben uns vertraut. Uns selbst und uns gegenseitig. Nicht mehr gedacht, was sie braucht, sondern gefühlt.

Seitdem ist viel passiert. Ich habe mich auf die Reise zu mir selbst gemacht. Von Menschen, die nicht verstehen, warum ich nicht mehr wie gewohnt funktioniere, habe ich mich abgewendet. Ich hatte wundervolle Momente mit mir selbst in der Natur. In meinem Garten, mitten im Beet, zwischen all den grünen Blättern, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl eins mit mir selbst zu sein. Im Flow würden manche das nennen. Und, wie bei einem Alkoholiker, bei dem in der Therapie versucht wird die 1 sec im Leben ohne Suchtdruck immer wieder in Erinnerung zu rufen und mit der Zeit größer werden zu lassen, so habe ich versucht, dieses Gefühl des Einklangs mit mir selbst größer werden zu lassen.

Es klappt nicht immer. Aber inzwischen ist das Gefühl, ich selbst zu sein, Normalität in meinem Leben geworden.

Ich fühle mich gut, so wie ich bin.

Seitdem ich mit mir selbst Frieden geschlossen habe, bin ich wirklich stark. Seitdem ich mache, was ich selber möchte, freue ich mich auch über meine Erfolge. Seit ich mich selbst liebe, kann ich andere lieben und werde geliebt.

Seit ich mich selbst liebe, brauche ich keinen Schutzwall mehr um mich herum, weil mir die Kritik von anderen nicht mehr so viel anhaben kann. Ich weiß UND ich fühle, dass ich gut bin, so wie ich bin. Und wenn das jemandem nicht gefällt, dann ist das nur dessen Meinung. Ich weiß, dass ich gehen kann, wenn mir Menschen nicht guttun. Sogar wenn es mein eigener Vater ist, meine eigene Oma, meine Schwiegermutter oder meine Chefin. Ich habe aufgehört, höflich zu sein. Ich habe aufgehört, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Und auch meine eigenen Ansprüche habe ich mit der Zeit reduziert.

Früher war ich von dem Gedanken geprägt: „Das muss doch noch besser gehen!“ Heute klebt auf meinen Schreibtisch ein anderer Zettel: „Geht das auch einfacher?“ Und daneben steht: „Genug.“ Immer wieder sage ich mir das. Es ist gut genug.

Für meine erste Tochter wollte ich die perfekte Mutter sein, und war letztendlich nicht mal „good-enough-mother“. Inzwischen bin ich nicht nur gut genug als Mutter, sondern gut genug als ganzer Mensch. Dafür musste ich lernen, mich selbst zu lieben.

Mit der Selbstliebe kam das Fühlen und damit die Fähigkeit zur Empathie. Das eigene „fühlen können“ ist Voraussetzung für Empathie, für das Einfühlen in den anderen. Inzwischen fühle ich nicht nur mich selbst. Ich fühle wie es meinen Kindern geht. Und ich fühle, wie es meinen Mitmenschen geht.

Nicht selten spüre ich den Schmerz, die Wut, das Leid, die Trauer, die erdrückende Last, die Einsamkeit im Gegenüber, obwohl derjenige selbst es noch nicht fühlen kann. Diese „Antennen“ helfen mir bei meiner Arbeit als Hausärztin. Inzwischen mache ich auch noch eine Weiterbildung, um selbst Psychotherapeutin zu werden. Denn ich möchte diese Erfahrungen weiter geben. Ich möchte anderen das geben, was ich bekommen habe: Bedingungslose Liebe.

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2 Kommentare
  • Caro
    Veröffentlicht am 07. November 2016 um 20:09 Uhr Antworten

    Liebe Louise,

    vielen Dank. Deine Geschichte hat mich sehr berührt. Ich bin dankbar, dass du so aufrichtig deine Erfahrungen mit mir geteilt hast.

    Alles Liebe
    Caro

  • Ganga
    Veröffentlicht am 21. November 2016 um 13:06 Uhr Antworten

    Wundervoll! Ich sehe mich selbst ein Stück weit in Deiner Geschichte. Danke! ♡

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