Die lie­be­vol­le Öff­nung von Caros Ehe – Teil 3: So war es wirklich… Caro erzählt!

20. März 2016

„Kannst du dir vorstellen, alleine zu leben?“ waren seine ersten Worte. Ungewöhnlicher Gesprächseinstieg, dachte ich mir. Und genauso ging es weiter. Ich fragte, was er so mache, und er gab zurück: „Ich helfe Menschen, glücklich zu werden.“Das fand ich spannend. So erzählte er mir von seiner Berufung und Leidenschaft – Move Meta, der Bewegung für SelbstLiebe. Niemals hätte ich mir träumen lassen, was aus dieser ersten Begegnung mit Manuel entstehen würde.

Begeistert meldete ich mich zum Newsletter an und las gespannt alle Beiträge. Die Artikel fand ich (theoretisch) super und sie halfen mir (für kurze Zeit), einen liebevolleren Blick auf die Welt und andere Menschen zu gewinnen. Doch erschloss sich mir nicht recht, was ich denn nun konkret tun könnte, um mich und andere besser anzunehmen. Daher fragte ich Manuel, ob ich ihn besuchen könnte, um mehr über Move Meta zu erfahren und an einem Gruppentreffen teilzunehmen.

Er freute sich über mein Interesse, und so fuhr ich Ende Juli 2015 nach Bochum. Obwohl wir uns kaum kannten, fühlte ich mich schnell recht vertraut mit ihm. Wir saßen in der Sonne und aßen selbstbackenen Kuchen, kochten gemeinsam und erzählten viel.

Am zweiten Tag saßen wir zusammen auf dem Sofa, als er mich plötzlich fragte, ob ich Lust hätte zu kuscheln. Die Frage erschien mir ungewöhnlich und überraschte mich. Prinzipiell kuschle ich gern, aber nur mit Menschen, die ich schon lange kenne, wie meiner Familie, meinem Mann oder selten mit guten Freundinnen. Nach kurzem Überlegen entschied ich dann aber, dass es ja ok sei mit seinen Freunden zu kuscheln und er legte seinen Arm um mich.

Anfangs fühlte ich mich befangen und ziemlich unsicher. Ich erinnere mich nicht mehr, worüber wir uns in diesem Moment unterhielten. Irgendwann fing er jedenfalls an, meine Hand zu streicheln. Es fühlte sich gut an, aber ich fragte mich ständig, ob das noch „freundschaftlich“ und somit ok sei, oder nicht.

Manuel erzählte mir von seiner Lebenseinstellung, dass alles gut sei, was sich für die Beteiligten auch wirklich gut anfühlt. Dass es keine Rolle spielt, was man (äußerlich) macht, sondern dass es nur auf das (innere) Gefühl dabei ankommt. Dass er es als Freiheit sieht, mit jedem Menschen eine Verbindung eingehen zu können, sowohl geistig als auch körperlich. Nach einer Weile gewöhnte ich mich an das Kuscheln, fühlte mich immer weniger befangen und immer entspannter.

Am nächsten Morgen schlug Manuel vor, dass wir uns für eine Ich-bin-gut-so-wie-ich-bin-Meditation auf sein Bett legten. Er hatte mir vorher bereits davon erzählt und mir beschrieben, wie er sich in dieses Gefühl „gut zu sein“ hineinfühlt, bis er es deutlich spüren kann und in sich selber Freunde findet. An Meditation war für mich in diesem Moment aber nicht zu denken. Mein Kopf war viel zu sehr mit Gedanken wie „Oh Gott, ich liege bei einem anderen Mann im Bett“ und „Was mache ich hier eigentlich?“ beschäftigt. Ihm selber schien es an diesem Tag auch nicht so gut zu gelingen, sich in das Gut-Sein hineinzuspüren. Schließlich schlug er vor, dass wir uns gegenseitig annehmen, anstatt es nur alleine zu versuchen. So drehten wir uns zueinander und sahen uns an. Nun wurden meine Gedanken leiser und ich konnte ihn einfach als einen anderen Menschen sehen, dem ich mich nah und verbunden fühlte. Ganz egal, was das nun hieß.

So lagen wir eine Weile schweigend nebeneinander und schauten uns in die Augen. Zwischendurch streichelte er über meinen Arm und fragte, wie ich mich fühlte. Ich fühlte mich ruhiger und gleichzeitig sehr weit weg von meinem sonstigen Leben. Irgendwann kam er näher, beugte sich über mich und küsste mich vorsichtig auf die Lippen. In dem Moment fühlte ich dann doch meine (moralische) Grenze überschritten. Ich sagte ihm, dass ich das nicht möchte. Er respektierte meine Entscheidung und rückte wieder ein Stück weg. Ich war froh und erleichtert, dass er so entspannt und gelassen damit umging.

Am letzten Morgen hieß es dann Abschied nehmen. Wir sparten uns das Frühstück und lagen stattdessen über eine halbe Stunde eng aneinander gekuschelt auf meinem Bett. Manuel sagte mir, dass er sich wünschte, mir noch näher zu sein. Ich wusste nicht so genau, wie ich für ihn empfand. Damals fühlte es sich einfach nach Sympathie und Verbundenheit an.

In den folgenden Tagen und Wochen nach meiner Heimkehr fühlte ich mich (gedanklich) unruhig und aufgewühlt. Viele neuen Ideen und Erlebnisse kreisten durch meinen Kopf und versuchten eine neue Ordnung herzustellen. Nur war noch nicht klar, wie diese aussehen würde. Es waren Denkprozesse in Gang gekommen, die sich nicht stoppen ließen, auch wenn ich manchmal Angst vor dem Ergebnis hatte. Vielleicht, weil ich wusste, dass mich neue Erkenntnisse und eventuell geänderte Werte vor schwierige Entscheidungen stellen würden.

Im Sommerurlaub erzählte ich meinem Mann, dass Manuel und ich zusammen gekuschelt hatten. Ich hatte mehrere Tage gebraucht, um den Mut zu finden, es ihm zu erzählen. Ich war mir immer noch nicht so sicher, ob ich selber das für ok hielt oder nicht. Zu meiner Erleichterung war er aber weder überrascht noch verärgert.

Seit meinem Besuch bei Manuel telefonierten wir öfter. Anfangs sprachen wir wie gute Freunde miteinander. Dann fragte Manuel, ob ich manchmal von ihm fantasieren würde. Wieder überraschte mich seine so direkte Frage. Ich bejahte das zögernd, woraufhin er Genaueres wissen wollte. Ich traute mich allerdings nicht, ihm das zu erzählen.

In dieser Zeit merkte ich, dass sich meine Gefühle für ihn verändert hatten. Zu der anfänglichen Vertrautheit und Zuneigung war irgendwie auch eine Form von Anziehung gekommen. War dieses Gefühl schon vorher da gewesen und hatte ich es nur verdrängt? Oder war es erst allmählich entstanden? Ich weiß es nicht genau. Ich spürte, dass ich ihm gern näher wäre, ihn auch gern küssen würde.

Diese Erkenntnis stürzte mich erneut in schwierige Überlegungen. Allerdings ging es jetzt nicht mehr so sehr darum, meine persönlichen Überzeugungen und Wertvorstellungen zu finden, sondern eher, ob ich den Mut aufbringen könnte und sollte, nach diesen zu handeln und mit den möglichen Konsequenzen zu leben.

Nach ein paar Wochen kam ich zu dem Ergebnis, dass mir meine neuen Ideale und Werte wichtig waren und ich auch danach leben wollte. Ich wollte mich nicht mehr aus Angst und gesellschaftlichem/moralischem Druck für oder gegen bestimmte Handlungen entscheiden, sondern diese frei bestimmen können. Außerdem war ich zu der Überzeugung gelangt, dass Liebe nichts Endliches ist. Wenn ich einen (zweiten) Menschen liebe, bedeutet das nicht, dass ich einen anderen weniger liebe. Demzufolge ginge niemandem etwas verloren, wenn ich meine Gefühle zu mehreren Menschen leben und ausdrücken würde. Gefühle wie Eifersucht entspringen meiner Meinung nach nur aus der Angst vor Verlust und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Eifersucht ist kein Liebesbeweis. Einen Menschen zu lieben bedeutet für mich, ihm von Herzen alles Gute, Glück und Freude zu wünschen, auch wenn er diese Gefühle mit anderen Menschen erlebt. Nachdem meine Entscheidung für mich feststand, brauchte ich noch eine ganze Weile bis ich mich bereit fühlte, mit meinem Mann darüber zu sprechen.

Ende September stand wieder die jährliche Veranstaltung bevor, bei der wir uns auch kennengelernt hatten. Es war klar, dass wir uns alle drei (Manuel, mein Mann und ich) dort wiedersehen würden. Manuel hatte mir angeboten, dort zu dritt über die neue Situation zu sprechen. Aber es erschien mir nicht fair, zu zweit und mit Wissensvorsprung meinem noch nichts ahnenden Mann gegenüber zu treten. Daher entschied ich mich dafür, vorher mit ihm allein zu sprechen, auch wenn ich nicht genau wusste, wie ich es ihm möglichst gut – ohne ihn in Angst zu versetzen – erklären konnte.

Ich versuchte es so ehrlich wie möglich und sagte ihm zu Beginn des Gesprächs auch, welche Angst es mir machte. Ich erzählte ihm von meinen Gefühlen und meinen Wünschen. Er war sichtlich schockiert und nicht mit so einem (offenen/polyamoren) Beziehungsmodell einverstanden. Er brachte zum Ausdruck, wie wichtig er es fand, dass unsere Beziehung exklusiv und etwas Besonderes war. Dass nur wir bestimmte Zärtlichkeiten teilten und sonst niemand. Schon von meinem Wunsch, jemand anderen zu küssen, fühlte er sich fast betrogen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass Liebe nicht an Wert verliert, (nur) weil man sie nicht mehr nur mit einem, sondern mit mehreren Menschen teilt und dass er keine Angst davor haben muss, mich zu verlieren.

An diesem Abend kamen wir zu keiner Lösung. Wir schliefen angekuschelt, aber unruhig ein. Ich war froh, dass Gespräch begonnen zu haben, aber sehr unsicher, wie es weitergehen würde. Die nächsten Tage lebte ich in der Angst, mich vielleicht zwischen meinen (neuen) Wertvorstellungen und unserer Beziehung entscheiden zu müssen. Ich wollte nicht über eine solche Wahl nachdenken.

Neben meiner Angst spürte ich aber auch die Hoffnung, dass mein Mann, angestoßen durch unser Gespräch, den gleichen Gedankengang durchlaufen würde wie ich zuvor und dass dieser ihn zu dem gleichen Ergebnis führen würde wie mich (dass Verlustangst der einzige Grund ist, die Freiheit unseres Partners einzuschränken und jemanden zu lieben bedeutet, ihm Freude und Glück zu wünschen und zu gönnen). Ein konsequentes Verfolgen dieses Gedankenweges schien nach meiner Logik nur zu dieser Erkenntnis führen zu können. Meine Befürchtung bestand nur darin, dass er sich weigern könnte, diesen Weg bis zum Ende zu gehen und somit nicht ans Ziel kommen würde.

Wir sprachen in den nächsten Tagen nicht viel darüber, aber es schien ihn sehr zu beschäftigen. Er fragte mich, ob ich die feste Absicht habe, mit ihm zusammenzubleiben und auch eine Familie zu gründen. Ich bestätigte das und versicherte ihm, dass sich daran nichts geändert hatte, ich ihn liebte und weiterhin mit ihm mein Leben teilen wollte. Später erzählte er mir, dass ihm das sehr wichtig gewesen war und er sich danach ruhiger und zuversichtlicher fühlte.

Ein paar Tage später machten wir uns auf den Weg zu der Veranstaltung, bei der wir Manuel ein Jahr zuvor kennengelernt hatten. Ich war nervös, weil ich mir Sorgen machte, wie sich ein Wiedertreffen zu dritt wohl gestalten würde. Beim Abendessen sahen Manuel und mein Mann sich wieder und begrüßten sich mit einer freundlichen Umarmung. Auf dem anschließenden nächtlichen Stadtspaziergang unterhielten sie sich länger miteinander, wie ich von weitem mitbekam. Ich freute mich, dass sie sich allem Anschein nach gut verstanden. Wieder zurück in der Jugendherberge machten wir es uns gemeinsam in der Lounge gemütlich. Mein Mann wirkte inzwischen wesentlich entspannter als bei unserem ersten Gespräch. Es störte ihn auch nicht, als Manuel und ich ein wenig kuschelten. Manuel versicherte ihm, dass er ihm nichts wegnehmen, sondern (nur) – mit seiner Erlaubnis – sein Leben bereichern wolle. Mein Mann sagte, dass das ok wäre.

Während eines Vortrags am nächsten Tag fragte mich Manuel, ob ich anschließend mit ihm in die Lounge kommen würde. Ich bejahte aufgeregt und vorfreudig. Ich fand ihn in einem Zelt auf mich wartend, zog meine Schuhe aus und setzte mich zu ihm. Wir kamen uns langsam näher und kuschelten uns aneinander. Nach einiger Zeit beugte er sich über mich und küsste mich sanft auf die Lippen. Ich war teenie-mäßig aufgeregt und es kam mir vor, als hätte ich noch nie zuvor einen Mann geküsst (obwohl ich doch seit über 9 Jahren mit meinem Mann zusammen war!). Wir genossen die gemeinsame Zeit, die so schnell verging, dass wir beinahe das Abendessen verpassten.

Nachdem wir nun zum ersten Mal definitiv die „Freundschaftsgrenze“ überschritten hatten (bis dahin war ja alles nur Theorie), fühlte ich mich schon wieder unsicher, wie ich meinem Mann davon erzählen sollte. Wie würde er reagieren? Wie viel sollte ich ihm erzählen? Wäre es besser, es ihm gleich zu sagen oder später, wenn wir allein wären? Als er mich fragte, worüber wir uns unterhalten hätten, erwiderte ich scherzhaft, dass wir non-verbal viele liebevolle Botschaften ausgetauscht hätten. Als er wissen wollte, wie diese aussahen, küsste ich ihn. Er lachte. Später erzählte ich ihm ausführlicher von unseren Erlebnissen.

Seitdem ist das Verhältnis zwischen meinem Mann und mir ehrlicher und entspannter. Wir können jetzt offener über unsere Gefühle, Wünsche und Erlebnisse sprechen, auch wenn sie andere Menschen betreffen. Es gibt keine festen Regeln mehr, was erlaubt ist und was nicht, sondern wir finden gemeinsam heraus, was wir möchten und was nicht. Es mag paradox klingen, aber wir fühlen uns nun sowohl freier, als auch näher und verbundener.

Image: „Single“ by wenzday01 is licensed under CC BY-NC-ND 2.0.

Caro
caro@movemeta.org

Ich bin Caro und möchte mich für eine liebevollere und schönere Welt einsetzen. Ich moderiere die Leipziger M² Gruppe und liebe echte Begegnungen, in denen ich mich verbunden fühle. Ich mag lebendige Beziehungen, in denen ich wachse - und schreibe gern darüber.

2 Kommentare
  • Valentin0
    Veröffentlicht am 27. März 2016 um 14:20 Uhr Antworten

    Hey Caro,
    mit gefällt deine (eure) Geschichte echt super. Das Konzept bzw. die Grundidee von Polyamorie ist sehr interessant und es ist schön, sowohl deine, als auch Manuels Sicht der Dinge zu lesen. Ich bin auch der Überzeugung, dass nicht jeder diesen Schritt schafft. Vor allem deinem Mann gebührt eine gewaltige Portion an Respekt. Er scheint ziemlich selbstbewusst und souverän zu sein. Wie hättest du denn reagiert, wenn er an deiner Stelle gewesen wäre und eine andere Frau kennen gelernt hätte, die ihm etwas gibt, das du ihm nicht geben kannst?
    LG

  • Caro
    Veröffentlicht am 30. März 2016 um 09:40 Uhr Antworten

    Hallo Valentin0,
    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass dir unsere Artikel gefallen haben. Es stimmt, dass dieser Schritt nicht einfach ist und vielleicht möchte ihn auch gar nicht jeder machen. Ich denke aber, dass jeder, der es möchte, diesen Schritt auch gehen kann. Mit der Einschätzung über meinen Mann hast du völlig Recht. ;) Ich finde es auch bewundernswert, wie schnell er diesen gedanklichen und emotionalen Schritt gemacht hat und bin darüber sehr glücklich und dankbar. Vielleicht kommt uns zu Gute, dass wir beide keine sehr eifersüchtigen Menschen sind. Wie ich selbst reagiert hätte, kann ich im Nachhinein nur schwer sagen. Ich wäre aber sicher auch erstmal überrascht gewesen, da wir uns vorher mit dem Thema nur wenig beschäftig hatten. Inzwischen ist es so, dass auch er stärkeren (und intimeren) Kontakt zu anderen Frauen hat. Bisher hatte ich damit überhaupt keine Probleme (im Sinne von Eifersucht/Verlustangst). Er erzählt mir alles (so wie ich ihm auch) und ich freue mich, dass er solche Gespräche und Erlebnisse haben kann. Ich kenne auch alle Frauen, mit denen er mehr Kontakt hat, persönlich und mag sie sehr gern. Letzteres halte ich für sehr wichtig. Nicht nur, weil ich gern die Menschen kennenlernen möchte, die ihm wichtig sind, sondern auch weil eine persönliche Beziehung mir hilft, mich ihnen näher und verbundener zu fühlen. Auf diese Weise wird es (in meinen Augen) immer unwahrscheinlicher, dass ich auf eine von ihnen eifersüchtig reagieren könnte. Wie es in Zukunft aussehen wird, wenn er vielleicht einer Frau noch näher kommt, kann ich noch nicht sagen. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir auch darüber sprechen und einen Weg für uns finden können.
    Liebe Grüße
    Deine Caro

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