Die liebevolle Öffnung von Caros Ehe – Teil 2

05. März 2016

Nach ihrem Besuch bei mir begann für Caro eine aufwühlende Zeit. Ihr erster Freund hatte sie vor drei Jahren geheiratet, nach sieben Jahren zusammen. Nun war ihr zum ersten Mal ein anderer nahe. Was würde sie ihrem Mann sagen, und was würde daraus entstehen? Wie frei würde sie sein, wenn wir uns wiedersähen? Frei genug, um mich zu küssen? Vielleicht sogar mehr?

Mit Geduld und Liebe teilte sie nach ihrer Rückkehr unsere Erlebnisse mit ihm. Und nach einiger Zeit schien ihr Mann sich tatsächlich mit der Idee anzufreunden, ihre Ehe zu öffnen. Ich fand das so beachtlich wie wundervoll. Neun Jahre Partnerschaft sind für mich etwas Seltenes und Wertvolles, erst recht in ihrem Alter. Ich wünschte ihr diesen sicheren Rahmen zur Selbstentfaltung. Auch wenn ich persönlich wenig von Monogamie halte – ich kann mich ja trotzdem für andere freuen.

Gleichwohl konnte ich mir denken, was ihr Mann nun von mir brauchen würde, um sich mit mir sicher zu fühlen. Zwar sind in meinem Leben Sicherheit und Stabilität genauso wichtig wie Abenteuer und Abwechslung. Warum ich nur einen Teil meiner Bedürfnisse erfüllen sollte, wenn das auch mit allen geht, habe ich nie begriffen. Liebe ist schließlich Eins-Sein, auch mit meinen Bedürfnissen. Und was keinem schadet, das werde ich mir erfüllen.

Doch ich verstehe gut, was Menschen fühlen, die noch nicht bedingungslos lieben. Haben oder Sein, Nehmen oder Geben: darauf bricht sich im Leben alles herunter. Und bevor ich gelernt hatte, bedingungslos zu geben, wollte ich zuallererst haben. Besonders als Kind. Wenn ich befürchten musste, etwas vermeintlich Geliebtes mit anderen teilen zu müssen – wie damals, als meine Geschwister geboren wurden –, dann schoss ein giftiges Gefühl in mir empor: Verlustangst. Eifersucht.

Wegen der hab ich seit meinem dritten Lebensjahr eine weiße Strähne im Haar. Und darum gab es genau eines, was ich Caros Ehemann unbedingt sagen wollte. Persönlich! Denn es war mir wichtig, gemeinsam darüber zu sprechen, und nicht nur übereinander. Und erfreulicherweise bekam ich schon bald die Chance dazu. Das nächste Mal sahen Caro und ich uns auf der gleichen Veranstaltung für Hochbegabte wie im Jahr zuvor. Und wie damals war auch ihr Mann wieder mit dabei.

Am ersten Abend trafen wir uns zu dritt, am Zelt vor der Lounge, dem offiziellen Kuschelzimmer des Events. (Hochbegabte sind nicht nur besonders schlau und wissbegierig, sondern auch besonders sinnlich und weltoffen. Wegen der Lounge allein war ich zwei Jahre zuvor überhaupt bloß gekommen. „Manuel, die Lounge, die Lounge …!“ – Oh ja, die Lounge.) Wir campierten nun also im Jugendherbergsflur, nur das Feuerchen fehlte. Caros Mann ist ein guter Mensch, und ich fand es schön, mich mit ihm zu unterhalten. Da sagte ich schließlich zu ihm, nicht ohne gewisse Feierlichkeit: „Ich möchte dir nichts wegnehmen, sondern was dazugeben.“

Und das meinte ich ganz genau so. Denn bis heute käme ich nicht im Traum auf die Idee, mit Caro durchzubrennen. Dafür bin und lebe ich viel zu gerne allein. Was ich hinzufügen will, ist eine Prise Aufregung und Inspiration. Mit meiner Liebe will ich Caro helfen, sich weiterzuentwickeln und zu erkennen, wer sie wirklich ist und was sie wirklich vom Leben will. Das ist für mich das Spannendste überhaupt am Leben, der größte Quell an Freude: Entfaltung und Wachstum. (Okay, und Sex.)

Ich wollte und will etwas stiften, das auch die beiden bereichern und ihre Beziehung vertiefen würde. Denn nicht nur ist es spannend, von neuen Erfahrungen des Partners zu hören, mit ihm zu wachsen und Neues miteinander ausprobieren zu können. Wer spirituell wächst, hat vor allem selber mehr zu geben – insbesondere seinem Partner! Und sowieso ist Freude in meiner Welt immer Grund zur Freude, egal wer sie hat. Ich glaube, es gelang mir damals, das alles in Worte zu fassen.

Am nächsten Tag waren beide guter Dinge. So fragte ich Caro, ob wir uns am Nachmittag wieder an der Lounge treffen wollten, wenn es dort leer sein würde. Sie sagte ja, und wir trafen uns dort. Und nun war Caro so frei, den Nachmittag nunmehr in, statt vor, besagtem Zelt mit mir zu verbringen. Wir waren fast allein. Drinnen in der Lounge wurde irgendwas gespielt. Wir draußen waren kaum zu hören. Und was man von uns sehen konnte, waren bloß unsere Schuhe vor dem Zelt.

Ich liebe es, mir für erste Male unendlich viel Zeit zu lassen. So zögerten wir unseren ersten Kuss eine gefühlte Ewigkeit hinaus. Und ich war wie im Paradies. (Nur, dass man dort viel weniger anhat. Und die Schlangen nicht von IKEA sind.)

Seither ist Caro in meinem Leben, und ich in ihrem. Es ist ein Geschenk für mich, einen so zärtlichen, umsichtigen Menschen zu kennen, sie inspirieren und an ihrer Entwicklung teilhaben zu dürfen. Ich hätte nie gedacht, was unser Besuch anstoßen, und wie aufrecht sie für sich einstehen würde. Wie ich später erfuhr, hatte sie ihren Mann mit Geduld, Fingerspitzengefühl und spirituell solider Argumentation dafür gewonnen, ihre Ehe zu öffnen. Ich war baff, als sie mir Details schilderte.

Und auch mein Versprechen erfüllt sich: Die Beziehung der beiden wird tatsächlich immer reicher. Vielleicht erfahrt ihr ja bald mehr davon. Vielleicht bekommt Caro ja selber Lust, euch davon zu erzählen…

Manuel
m@movemeta.org

Ich bin Manuel und will Liebe finden, anstatt sie zu suchen. Ich bin der Gründer von Move Meta und liebe es, über Gefühle zu sprechen, in die Tiefe zu tauchen und Schätze zu heben.

2 Kommentare
  • Ailine
    Veröffentlicht am 06. März 2016 um 16:48 Uhr Antworten

    Danke Manuel, für die Worte, die Du mit uns teilst.
    Ich selbst bin erst vor ca. einer Woche von einem Bekannten auf Dich/Move Meta aufmerksam gemacht worden und noch nicht sehr weit in meiner Selbst-Akzeptanz.

    Den Gedanken des Sich Selbst Liebens und damit auch jeden anderen zu lieben, finde ich wunderschön. Doch kann ich mir nicht vorstellen, dass dies auch bedeutet, dass ich mit jedem mein Bett teilen würde.
    Passiert so was denn automatisch, wenn man jeden liebt, dass man dann so offen dafür wird? Oder gibt es auch hier Menschen, die da eine Grenze ziehen?

    Herzliche Grüße
    Ailine

    • Manuel Fritsch
      Veröffentlicht am 07. März 2016 um 15:54 Uhr Antworten

      Liebe Ailine,

      danke für deinen Kommentar und herzlich Willkommen bei uns! Ich hoffe, ich konnte dich mit dem Vorspiel schon ein wenig inspirieren. Vielleicht hast du ja auch Lust bekommen, eine unserer Gruppen zu besuchen. Da trainieren wir das Akzeptieren ja regelrecht, indem wir z. B. über die Bedingungen sprechen, die wir unserer Liebe vorschalten, um diese dann abschaffen zu können. (Bei mir waren es am Anfang sicher über hundert.)

      Mich zumindest hat Liebe weitaus offener für andere gemacht. Ich halte es für unausweichlich, wenn ich die Schönheit in anderen Menschen sehen will, sie dann auch tatsächlich zu sehen und mich teilweise auch hingezogen zu fühlen. Dadurch bin ich heute viel offener als früher, Nähe genießen zu können. Früher war ich extrem anspruchsvoll, und konnte mich geistig überhaupt nicht auf Frauen einlassen, die nicht meine körperlichen Ideale erfüllten, bzw. in die ich nicht verliebt war (=emotional abhängig, mit unkontrollierten Projektionen). Was mich im Endeffekt zu einem oberflächlichen Menschen gemacht hat, weil ich innere Schönheit gar nicht würdigen konnte, sondern alles an Körperbau und Gesichtsform hing – Beuteschema erfüllt, ja oder nein.

      Heute ist es genau anders herum: Ich sehe die innere Schönheit von Menschen. Und das ist mitunter (nicht immer) so ergreifend und erfüllend, dass körperliche Nähe ganz natürlich entsteht. Es gibt Menschen, die strahlen so viel Liebe aus, dass sie mich (und andere) einfach anziehen, egal wie alt sie sind oder ob sie rein körperlich mein Typ sind. Man muss allerdings auch offen sein für diese Gefühle; ansonsten verliere ich diese Chance, das tiefe Gute in einem Menschen zu spüren.

      Alles Liebe
      Manuel

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