Der größte Irrtum meines Lebens: Meine Liebe mach‘ ich selbst

Überall um mich ist Liebe Move Meta SelbstLiebe

04. März 2017

Image: „Hidden color“ by Thomas Hackl on flickr is licensed under CC BY-NC 2.0.

Ich gebe es zu, ich habe mich schon für ziemlich schlau gehalten. Seit ich begann, Gefühle zu achten und zu schenken: „Du bist gut, so wie du bist“, wuchs in mir der Glaube: Was ich dadurch erleben darf, was ich dafür von anderen gespiegelt bekomme, das ist mein Verdienst, meine Schöpfung, meine Macht. Vorher war ich immer lieblos gewesen, nun war ich liebevoll, ergo: Meine Liebe, die mach‘ ich selbst.

Fast sechs Jahre lang war das mein Selbstverständnis. Wenn es mit der Liebe nicht klappen wollte, egal ob für mich allein oder mit anderen, dann dachte ich: Ich muss eben noch mehr lernen, noch präsenter sein, noch stärker lieben. Auf viele habe ich dabei wohl sehr intensiv gewirkt; jedenfalls durfte ich mir das jüngst mehrfach sagen lassen. Wobei das weniger als Kompliment gemeint war, eher als: Intensiv bemüht, etwas anderes darzustellen, als ich bin.

Ja, ich wollte anders sein. Ich wollte nicht länger der lieblose Trampel sein, der ich in meiner Kindheit und Jugend war. Von diesem Sein hatte ich 2011 endgültig genug. Ich wollte ein neuer Mensch sein, sanfter, achtsamer, gefühlvoller, liebevoller, liebenswerter. Dafür war ich bereit, mein altes Ich mit aller Kraft zu überwinden, mich selbst neu zu erfinden. Aber nicht, indem ich mir eine falsche Hülle zulege, sondern indem ich mein wahres Selbst freilege: Die Liebe in mir.

Doch mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, erfordert viel Energie. Gelang es mir, so bin ich auf aktiver SelbstLiebe dahingeschwebt, auf Güte und Hingabe. Immer wieder jedoch bin ich von meiner Wolke gestürzt. Etwa, wenn mich auf Facebook jemand kritisiert hat. Dann habe ich mich sehr schwer getan, für denjenigen Verständnis, Akzeptanz und Liebe aufzubringen und auch zu spüren. Ich wollte es, aber es wollte mir nicht gelingen.

Ich hatte eben noch nicht genug geübt, glaubte ich. Meine eigene Liebe war wohl noch nicht tief genug in mich selbst eingedrungen. Und so wollte ich mich dieses Jahr endgültig herausfordern, mein Maximum an Liebe zu geben und die Leere in mir aus eigener Kraft zu füllen. Wie absurd dieses Ansinnen gewesen ist, begreife ich erst jetzt. Leere kann niemals Fülle hervorbringen, wie sehr sie sich auch anstrengt. Meine eigene Liebe aus mir selbst heraus erzeugen zu wollen, aus dem Nichts: Welch Anmaßung. Welch Hybris!

Ich hatte Gott sein wollen. Das war es, was mir im Februar auf die Füße gefallen ist und mir eine der schwersten spirituellen Krisen beschert hat, die ich je erlebt habe. Ich hatte geglaubt, ich könne Liebe erzeugen und sie anderen schenken, und ihnen damit helfen, genauso ihre eigene Liebe zu erschaffen. Doch mein Inneres wusste ganz genau, dass ich ein Schloss in die Wolken bauen wollte. Und als ich diesen Plan nun endlich umsetzen, vollends meine Sehnsucht erfüllen und alle anderen Wege abschneiden wollte: Da schritt mein Inneres ein und bescherte mir einen tiefen Schmerz, jeden Morgen aufs Neue.

Dieser Schmerz war erstmal alles, was ich kannte. Eine Woche lang war er mir ein Rätsel. Doch ich wollte ihn nicht betäuben, mit Filmen, Büchern, Zielen oder anderen Drogen. Ich wollte ihm auf den Grund gehen. Andernfalls würde er doch nur zurückkehren, so wie bisher auch. Ich begann sogar, den Schmerz zu lieben; zumindest, wenn ich ihn nach dem Aufstehen nicht mehr spürte. Zu irgendetwas musste er ja gut sein, und das wollte ich herausfinden. Vielleicht war er dazu da, damit es den Rest des Tages immer nur aufwärts gehen könne? Ein Kapitalismus, ganz für mich allein: Täglich Krise, täglich Boom, alles in mir drin?

Am Ende dieser ersten schmerzhaften Woche, am Sonntagabend, sprach ich schließlich mit einer lieben Freundin, die ich dank Move Meta kenne. Als ich zu Ende erzählte hatte, meinte sie sofort: Das sei doch völlig klar gewesen. Ich hätte andere zur Echokammer meiner aktiven Liebe gemacht. Ich würde keine Resonanz erfahren, sondern nur mich selber hören. Und nun, wo ich beide Extreme ausprobiert habe, werde es Zeit, die goldene Mitte zu finden: Weder passiv lieblos, noch zwanghaft aktiv zu sein, sondern Liebe vor allem geschehen zu lassen – ohne sie erzeugen zu wollen.

Was Baukje mir sagte, fühlte sich richtig an. Trotzdem konnte mein Kopf es zunächst nicht fassen. Was ich zunächst verstanden zu haben glaubte, schien mir mit jeder Minute zu entrinnen. Doch zum Glück war am nächsten Tag unser nächstes Treffen von M² Bochum. Ganz zuletzt erzählte auch ich von meinem Schmerz, und ohne, dass die anderen noch viel sagen mussten, machte es Klick. Ich begriff, dass es nichts wert ist, wenn ich mir mit aktiver SelbstLiebe jede Sehnsucht erfüllen kann. Denn mich sehnen heißt ja immer noch, dass ich das Gute im Außen suche, ganz woanders und weit weg; dass ich immer erst aktiv werden muss, um es zu bekommen; und dass folglich in mir drinnen immer noch Leere herrscht.

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich das nicht länger will. Ich habe keine Lust mehr, jeden Morgen wieder bei null anzufangen, zumal bei Schmerz und Verzweiflung; jeden Tag all meine Liebe von neuem erzeugen zu müssen. Schon oft hatte ich irgendwo geschrieben gesehen: Liebe ist schon da, sie ist überall, wir alle sind pure Liebe. Doch bisher konnte ich es nicht verstehen, und darum nicht glauben. Es erschien mir abgehoben und weltfremd – sind wir nicht von allzuviel Hass und Leid umgeben, um so etwas überhaupt glauben zu dürfen?

Nun endlich begriff ich, warum dieser Glaube vielen Menschen so wichtig ist. Denn er ist wahr, und er ist unverzichtbar. So viel wurde schon für mich getan, wozu ich nichts beigetragen habe! Die Sonne scheint, der Regen fällt, mein Herz schlägt, alles ohne mein Zutun. Nicht an mir ist es, Liebe zu erschaffen. Ich bin nicht Gott, sondern nur ein Mensch. An mir ist lediglich, der Liebe gewahr zu werden, die bereits überall um mich herum zu finden ist, genauso wie in mir drin. Ich kann diese allgegenwärtige Liebe zwar ignorieren, und das habe ich auch lange genug getan; doch was kümmert es sie! Die Liebe ist immer da, war immer da, und wird immer da sein; in allem, was ist, war und sein wird.

Dies zu erkennen, dieser allumfassenden Liebe meinerseits nur noch gewahr zu werden – so verstehe ich seither den Satz, den ich seinerzeit gefunden und zu meinem Zweiten Prinzip gemacht habe: Liebe ist eine Tätigkeit. Nicht ich erzeuge die Liebe, sondern mein (zunächst einmal inneres) Tätigsein bezeugt die Liebe, und ist zugleich ein Teil davon. Ja, wir alle bringen immer genauso viel Liebe in die Welt, wie wir gerade können. Wie viel ich aber generell lieben kann, wie viel Liebe ich spüren und entfalten kann, das liegt bei mir. Ich selbst habe die Macht, mit halbem oder vollem Herzen zu lieben.

Und so trainiere ich seit letzter Woche, der Liebe gewahr zu sein. Anstatt zu suchen, will ich finden. Ich laufe z. B. durch die Stadt, und mache mir bewusst: Alles um mich herum ist Liebe. Die Gehwegplatten sind Liebe: Die Natur erschuf den Stein und Menschen haben sie für mich gelegt, damit ich darauf gehen kann. Die Bäume sind Liebe: Sie spenden mir Schatten und Sauerstoff. Der Regen ist Liebe: Er gibt mir zu trinken. Die Sonne ist Liebe: Ihr verdankt sich alles Leben auf der Erde, bis hin zu meinem. Und so weiter.

Noch ist dieser Glaube neu und ungewohnt. Doch mit jedem Tag fällt er mir leichter. Letzten Sonntag bin ich von Bochum bis nach Witten gelaufen, zum Contact Impro. Auch dort ließ ich mich in die Liebe fallen, und es war der schönste Nachmittag, seit ich dort mittanze. Am Mittwoch bin ich bis nach Dortmund gelaufen, dreieinhalb Stunden, und konnte sogar in einer abstoßend hässlichen Werkshalle entlang des Weges die Liebe erkennen – in Form der vielen Güter, die dort wohl erzeugt wurden und Menschen das Leben erleichtert haben. (Wie ich soeben erfahre, wurde dort Bier gebraut. Naja.)

Seitdem ich übe, der Liebe gewahr zu werden, sind meine Seelenschmerzen abgeklungen. Heute morgen schließlich war sogar mein Bauchschmerz verschwunden. Es war der erste schmerzfreie Morgen seit drei Wochen. Deshalb habe ich heute aufgeschrieben, wie es dazu kam. Vielleicht ist diese Lösung nur temporär; wenn es so ist, werde ich auch das hier teilen. Auf jeden Fall will ich nicht länger glauben, dass ich selbst alleine für meine Liebe verantwortlich bin. Dieser Glaube war süß, doch war er auch ein Gift.

Ich bin Teil eines großen Ganzen, einer umfassenden Liebe. Ich bin ihr Werkzeug, nicht ihr Schöpfer. So will ich in Zukunft von SelbstLiebe erzählen. Meine alten Blogeinträge lasse ich trotzdem, wie sie sind; sie zeigen meinen Weg bis hierhin. Den Rest der Website und das M² Vorspiel will ich umschreiben.

Wohin mein Weg mich noch führen wird, darauf bin ich sehr gespannt. Auf jeden Fall weiß ich jetzt: Ich finde umso mehr, wenn ich aufhöre, zu suchen. Denn dann sehe ich nicht mehr, was direkt vor mir liegt! (Dieser Gedanke entstammt dem „Siddhartha“ von Hermann Hesse, der mir jüngst empfohlen wurde und sehr geholfen hat. Wer ihn nicht kennt: Unbedingt kaufen, lesen, nochmal lesen. Dieses Buch bedeutet mir bereits so viel wie „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm. Mehr noch liegt es mir am Herzen.)

Manuel
m@movemeta.org

Ich bin Manuel und will Liebe finden, anstatt sie zu suchen. Ich bin der Gründer von Move Meta und liebe es, über Gefühle zu sprechen, in die Tiefe zu tauchen und Schätze zu heben.

7 Kommentare
  • AMANE
    Veröffentlicht am 12. März 2017 um 09:03 Uhr Antworten

    Mhhhh…. schöner Beitrag. Aber genauso wenig, wie Du suchen musst, musst Du finden. Damit hast Du nur ein Konzept mit einem anderen ersetzt, was so vielen passiert und ok ist, wenn man es erkennt. Du bist Liebe, wir alle sind Liebe…. Aber lass erst einmal Deine Vorstellung von Dir selbst los. Lass Deine Vorstellung von Liebe los. Lass Deine Vorstellung von Dir als Liebe los. Lass alle Vorstellungen los, denn sie begrenzen das was Du in Wahrheit bist und engen Dich ein!
    Alle Vorstellungen, alle Konzepte können nur Begrenzungen sein. Reines Sein, was Du von Natur ist bist, IST einfach und benötigt keine Vorstellung, um zu sein.
    Probiere es mal für ein paar Minuten …. dann 1-2 Stunden usw … alle Vorstellungen von ICH und die Welt beiseite zu legen und nur zu sein …. nicht „bewusster“ sein … nicht lieb sein …. Komplett ohne Vorstellung und Konzept im Kopf …. ohne einen Gedanken davon wie es zu sein hat. Sei einfach!!!

  • Jeronimo
    Veröffentlicht am 12. März 2017 um 09:06 Uhr Antworten

    Hallo Manuel,
    Ich habe ebenfalls beide Bücher gelesen.
    Dann bin ich beim Buddhismus angekommen.
    Und nach 15 Jahren verlasse ich nun die Bewegung, mit der ich mich lange verbunden gefühlt habe.
    Nichts ist dann ein Endstand. Und alles entwickelt sich weiter.
    Und deinen Stand finde ich gerade sehr spannend. Wohin er dich wohl führt?
    Ich werde wohl weiter der Lehre des Buddha folgen, weiß aber doch nicht, welche Form das wohl haben wird.
    Und so bin ich eben auch Fan von Socrates und Faust – wissend, dass ich nichts weiß…
    Alles Liebe

  • Ben
    Veröffentlicht am 12. März 2017 um 14:45 Uhr Antworten

    hm…wie schön…:)

  • Andreas
    Veröffentlicht am 12. März 2017 um 17:38 Uhr Antworten

    „Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten“ (Psalm 82 – 6). Liebe oder das, was Kirchen als Gnade oder den Heiligen Geist bezeichnen, ist ständig da. Sie kann nicht neu erschaffen werden sondern nur „entschleiert“, indem alle Blockaden und Zwänge losgelassen werden. Sie kommt durch bedingungslose „Erlaubnis“.

  • Holger
    Veröffentlicht am 12. März 2017 um 22:46 Uhr Antworten

    Lieber Manuel,
    aus meiner Sicht hast du einfach den einen „Glauben“ gegen den anderen „Glauben“ getauscht.
    Es ist immer noch Glauben, und jeder Glauben ist war, einfach weil ich ihn „eine Zeit lang“ erleben kann wenn ich ihn glaube.
    Lies einmal die beiden anderen Bücher.

    Alles Liebe für dich von dem Agnostiker

  • Marcel Gudath
    Veröffentlicht am 14. März 2017 um 15:39 Uhr Antworten

    Schöner Beitrag, der wohl beschreibt wie es vielen von uns ergeht, wenn sie stolpern und aus ihrem Himmel der Selbstliebe fallen. Siddharta von Hesse ist da ein gutes Buch was helfen kann. Aber noch besser finde ich die Bücher von Carlos Castaneda, der genau auf das eingeht was AMANE im ersten Kommentar beschreibt, nämlich alle Konzepte von sich selbst und der Welt aufzugeben. Und dann kannst du einfach machen was dein Herz glücklich macht, ohne etwas erfüllen zu müssen.

    „Es gibt nur einen Weg, den Weg mit Herz, den nur ein Krieger geht. Jedes Ding ist eins von Millionen Wegen. Darum musst du immer daran denken, dass ein Weg nur ein Weg ist. Wenn du fühlst, dass du ihn nicht gehen willst, musst du ihm unter gar keinen Umständen folgen. Um soviel Klarheit zu haben, musst du ein diszipliniertes Leben führen. Nur dann wirst du wissen, dass ein Weg nur ein Weg ist, und dann ist es für dich oder für andere keine Schande, ihm nicht zu folgen, wenn es dein Herz dir sagt.

    Aber deine Entscheidung, auf dem Weg zu bleiben, oder ihn zu verlassen, muss frei von Furcht oder Ehrgeiz sein. Ich warne dich. Sieh dir den Weg genau und aufmerksam an. Versuche ihn, sooft es dir notwendig erscheint. Dann stell dir, und nur Dir selbst, eine Frage. Diese Frage ist eine, die sich nur alte Männer stellen: Ist dieser Weg ein Weg mit Herz?

    Alle Wege sind gleich: sie führen nirgendwo hin. Ist es ein Weg mit Herz? Wenn er es ist, ist der Weg gut; wenn er es nicht ist, ist er nutzlos. Beide Wege führen nirgendwo hin, aber einer ist der des Herzens, und der andere ist es nicht.

    Auf einem ist die Reise voller Freude, und solange du ihm folgst, bist du eins mit ihm. Der andere wird dich dein Leben verfluchen lassen. Der eine macht dich stark, der andere schwächt dich.“ – Carlos Castaneda

    • Holger
      Veröffentlicht am 14. März 2017 um 16:56 Uhr Antworten

      „.. nämlich alle Konzepte von sich selbst und der Welt aufzugeben. Und dann kannst du einfach machen was dein Herz glücklich macht, ohne etwas erfüllen zu müssen.“
      “ Um soviel Klarheit zu haben, musst du ein diszipliniertes Leben führen.“

      was den jetzt – gebe ich alles auf oder bin ich diszipliniert?

      Für mich ein Widerspruch!

Dein Kommentar ist willkommen.

Liebe selbst. Und werde ge­liebt.