Allein in einem Raum voller Menschen

Alleine in einem Raum voller Menschen Move Meta Liebe SelbstLiebe

08. Januar 2017

Image: „Madrid (Spain), Puerto del Sol: Night life“ by Werner Wittersheim on flickr is licensed under CC BY-NC 2.0.

Danke an Lorena für das wundervolle Gespräch bei einer heißen Schokolade und die Möglichkeit, über dieses Thema zu reflektieren.

Ich habe mich immer als Außenseiter erlebt. Das Gefühl, den Ansprüchen der anderen nicht zu genügen, hat mich immer wieder davon abgehalten, Kontakte zu knüpfen. Auf Partys (wenn ich denn mal zu einer ging) habe ich mich gefragt, warum keiner mit mit sprechen wollte. Oft saß ich in irgendeiner Ecke und sah neidisch auf die anderen, die sich ganz natürlich miteinander unterhielten. Für mich war das eine vollkommen andere Welt, in die ich nicht zu passen schien.

Mir ging es viele Jahre so und auch heute erlebe ich noch Situationen, in denen ich mich schlecht fühle, weil scheinbar keiner etwas mit mir zu tun haben will. Wenn ich davon erzähle, wundern sich viele Leute. Die meisten nehmen mich als aufgeschlossenen Menschen wahr, der mit jeder Gruppe klar kommt und immer gut gelaunt ist. Das ist aber nur eine Seite der Medaille.

Ich hatte schon immer ein Problem damit, auf Leute zuzugehen. Bevor ich einen Verkäufer im Laden ansprach, suchte ich lieber stundenlang selbst in den Regalen. Selbst wenn ich mit Freunden unterwegs war (oder was ich damals als Freunde ansah), fühlte ich mich allein. Wenn ich zu einer Feier ging, saß ich traurig in der Ecke und wartete, dass irgendwas passierte, dass mich jemand ansprach oder dass ich irgendwo beteiligt sein konnte.

Hier und da kam das auch vor, aber selbst dann fühlte ich mich nicht „richtig“. Ich kopierte das Verhalten der anderen, sang ihre Lieder mit und begann mich für die gleichen Themen zu interessieren. Aber ich war nicht ich.

Der Strohhalm-Ring

Eine Schulfreundin von mir veranstaltete einmal eine große Geburtstagsfeier mit vielen Gästen, darunter auch ich und ein paar Freunde von mir. Der Abend wurde ziemlich lang und ich hatte Spaß mit den Leuten, die ich kannte. Die fuhren allerdings irgendwann nach Hause und ich blieb zurück – weil ich es so wollte. Aus einer Laune heraus hatte ich entschlossen zu bleiben, in diesem großen Saal voller Menschen, von denen ich nur das Geburtstagskind kannte. Und das war okay.

Vorher hatte ich mich immer schlecht gefühlt, weil ich an mich die Bedingung stellte, ich müsste gesellig sein und Leute ansprechen, wenn ich auf einer Party war. Das habe ich mich nur nie getraut und demensprechend habe ich mich mit Schuldzuweisungen selbst fertig gemacht.

Ich wagte ein Experiment. Ich wollte abwarten, bis mich jemand ansprach. Wer das sein würde, war mir egal. Es war mir sogar egal, ob mich überhaupt jemand ansprechen würde. Alleinsein kannte ich ja bereits und wenn ich keine Lust mehr hätte, könnte ich ja auch nach Hause gehen.

Nach einiger Zeit, vielleicht eine halbe Stunde, kamen die ersten Leute auf mich zu. „Was machst du hier?“, fragten sie und ich erzählte von meinem Experiment. Die meisten gingen gleich wieder, aber sie wünschten mir weiter viel Erfolg. In dieser Situation habe ich die Wünsche ernst genommen und nicht abgetan wie früher („Die wollen mich eh nur verarschen“).

Irgendwann blieben dann Leute bei mir sitzen und es ergab sich ein Gespräch. Damit nicht genug, bauten wir einen großen Ring aus zusammengesteckten Strohhalmen, worin ich mich nachher mit einem Mädchen in meinem Alter wieder fand.

In diesem Moment hatte ich eine Verbindung zu Menschen aufgebaut, die mir vorher völlig unbekannt waren. Ich hatte keine Bedingungen an mich oder die anderen gestellt. Und es sollte weitere Jahre dauern, bis ich so etwas erneut erleben durfte.

Zeit für mich, Zeit für andere

Ich hatte in den letzten Jahren sehr viel Übung darin, fremde Menschen kennen zu lernen und mich in neuen sozialen Gruppen zurecht zu finden. Es gelingt mir immer besser, doch bei jeder neuen Situation kommen die alten Zweifel wieder: Mögen die mich überhaupt? Wie schaffe ich es, mich beliebt zu machen?

Wenn ich wieder mal an solch einem Punkt ankomme, mache ich mir eines bewusst:
Es ist gut, anders zu sein.

Ich habe erkannt, dass ich mich nicht wohl damit fühle, mich in einer neuen Situation gleich zu öffnen und die Party anzuführen. Ich komme lieber in Ruhe an und setze mich eine Zeit lang allein hin, um alles auf mich wirken zu lassen: den Raum, die Menschen, die Musik.

Ich brauche oft erst einen Moment für mich, bevor ich mich auf andere einlassen kann. Manchmal fühle ich mich auch gar nicht danach, mit anderen Menschen zu reden. Dann bin ich vielleicht zu unruhig, zu müde oder zu ausgefüllt von anderen Dingen – z.B. achte ich bei Konzerten meist mehr auf die Musik als auf die Menschen um mich herum.

Wenn ich mich mit Menschen verbinde, dann möchte ich das aus ganzem Herzen tun. Dazu muss ich aber auch bereit sein. Mich verbinden kann auch heißen, mich auf langweiligen Smalltalk einzulassen und anderen zuzuhören, wenn sie von den Verdauungsproblemen ihres Hundes erzählen.

Die schönste Verbindung ist für mich die, wenn ich mit Menschen Deep Talk reden kann, wenn wir uns in die Augen sehen und wissen, dass wir einfach in diesem Moment sein dürfen, wie wir sind. Das sind Abende, nach denen ich mit neuen Impulsen nach Hause gehe, die mich bereichern und wachsen lassen. Dann denke im Nachhinein an den Strohhalm-Ring zurück und was ich seither alles gelernt habe.

Die wichtigste Lektion für mich lautet: „Ich bin gut, so wie ich bin“. Das gilt in jeder Situation, ob ich nun eine Gruppe unterhalte, auf einer Bühne stehe oder still in der Ecke sitze. Ich bin in jedem Moment genau richtig und wunderbar, wenn ich mir erlaube, nach meinem Herzen zu handeln. Und das kann auch heißen, allein in einem Raum voller Menschen zu sein.

Florian Eichhorn
florian@movemeta.org

Ich liebe es, unseren Leitsatz "Du bist gut, so wie du bist" in die Welt zu tragen und Menschen zu inspirieren, das Beste aus ihrem Leben zu schöpfen. Als Gründer der Essener Gruppe erlebe ich immer wieder, wie wertvoll die Auseinandersetzung mit Gefühlen ist und wie heilsam es sein kann, offen und ehrlich damit umzugehen.

2 Kommentare
  • Manuel
    Veröffentlicht am 27. Februar 2017 um 11:43 Uhr Antworten

    Hallo Florian,

    sehr viel von dem was Du in diesem Beitrag schreibst kommt mir aus eigener Erfahrung bekannt vor. Wir scheinen uns sehr aehnlich zu sein.

    Eine Anmerkung/Frage habe ich noch.
    Wie wuerdest Du dich verhalten, wenn Du jemanden in einer Gesellschaft siehst, der augenscheinlich (! nicht unbedingt tatsaechlich) Schwierigkeiten hat sich in diese zu integrieren oder integriert zu werden – sprich, der so abseits steht wie Du deiner Beschreibung nach in deinem Beitrag.
    Wuerdest Du auf ihn zugehen und fragen wer er ist und was er macht?
    Falls ja, wie wuerdest Du reagieren, wenn er dir von „seinem Experiment“ erzaelen wuerde?

    Ich wuerde wahrscheinlich nichteinmal auf ihn zugehen (obwohl ich interessiert waere ihn kennenzulernen), mich aber sehr darueber freuen in seiner Situation freundlich angesprochen zu werden. Paradox :-) Aber ich bin kein „Hurra-hallo-hier-bin-ich-typ“, kann die aber gut leiden und mich in ihrer Gesellschaft wohlfuehlen.

    Viele Gruesse

    Manuel

    • Florian Eichhorn
      Veröffentlicht am 27. Februar 2017 um 15:26 Uhr Antworten

      Lieber Manuel,

      das mache ich von der Situation abhängig, in der ich selbst gerade stecke. Tatsächlich fällt es mir immer noch schwer, offen auf andere Menschen zuzugehen. Deshalb würde ich (ähnlich wie du) vermutlich nicht den Kontakt suchen, sondern den Menschen einfach sein lassen. Was sich aber bei mir geändert hat: Ich nehme den anderen wahr und wenn jemand allein sitzt, während alle anderen sich miteinander unterhalten, dann sehe ich dieses Alleinsein als etwas Besonderes an. Dann ist dieser Mensch für mich nicht fehl am Platz, weil er nicht das tut, was alle anderen tun, sondern in dieser Situation genau richtig. Vielleicht weiß dieser Mensch das noch gar nicht. Aber ich öffne mein Herz, wenn schon nicht den Mund, und schicke ein Lächeln zu ihm. Manchmal ergibt sich aus einer solchen Situation dann ein Gespräch, aber wenn keine Reaktion kommt, halte ich mich eher zurück.

      Alles Liebe
      Florian

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